10 Fragen an Taucherarzt Dr. Ulf Kahmann zur Tauchtauglichkeit und Tauchmedizin


Er ist Pioniertaucher und war leitender Taucherarzt der Bundeswehr. In München führt Dr. Ulf Kahmann eine Praxis mit dem Schwerpunkt Tauchmedizin. Im Interview erklärt der Allgemeinmediziner,  wann er keine Tauchtauglichkeit ausstellt und  warum die Tauchausrüstung desinfiziert werden sollte.


dekopause: Taucher möchten, dass Tauchtauglichkeitsuntersuchungen möglichst wenig kosten und natürlich positiv ausgehen. Wie sind Ihre Erfahrungen: Kommen Taucher mit den richtigen Erwartungen an eine Tauchtauglichkeit in Ihre Praxis?

 

Dr. Kahmann: Ja. Da wir bereits bei der Terminvereinbarung den Inhalt der Untersuchung absprechen, ist den meisten klar, dass es sich um eine Selbstzahlerleistung handelt, der Umfang der Untersuchung ihrer Sicherheit und der Sicherheit der Tauchpartner dient und es sich um eine erweiterte Vorsorgeuntersuchung handelt.

 

Sie führen die Tauchtauglichkeits-Untersuchung nach den Richtlinien der GTÜM durch. Warum?

 

Die GTÜM legt nach wissenschaftlichen Kriterien den Umfang der Untersuchung fest und sorgt für regelmäßige Erneuerung der Qualifikation „ihrer“ Ärzte. Das bedeutet: Sie bekommen auf hohem Qualitätsniveau nur die Untersuchungen, die nötig sind, um tauchmedizinisch relevante Erkrankungen oder körperliche Veränderungen festzustellen. Nicht mehr, aber vor allem auch nicht weniger. Das hat ja auch eine finanzielle Bedeutung.

 

Ebenso werden von der GTÜM wissenschaftliche Daten zu verschiedenen Erkrankungen ausgewertet und nach tauchmedizinischen und taucherischen Gesichtspunkten von medizinisch und taucherisch erfahrenen Ärzten beurteilt. Das gibt uns allen die Sicherheit, unseren Sport gesund auszuüben.

 

Was raten Sie Tauchern, die bei der Untersuchung Geld sparen wollen und deshalb zum Beispiel zum Hausarzt gehen?

 

Nicht jeder Arzt hat die Erfahrung und das Wissen, um die Situation umfassend beurteilen zu können. Es ist wie überall: Neben der Ausbildung braucht es Übung für eine gute Untersuchung. Die hat auf jeden Fall der nach GTÜM-Standard qualifizierte und weitergebildete Arzt. Und: Auch der Hausarzt darf diese Untersuchung und Bescheinigung nicht ohne Rechnung durchführen und ausstellen. Es ist also die Frage, ob man Geld spart.

 

Die GTÜM hat sich als Qualitätssiegel für die Tauchmedizin im Verbund mit den Kollegen aus der Schweiz und Österreich in Europa etabliert. Auf diese Qualität würde ich nicht verzichten wollen.

 

Welche Kontraindikationen zum Tauchen begegnen Ihnen denn am häufigsten?

  • Ganzjähriges Asthma mit Symptomen trotz Therapie ist eine regelmäßige Kontraindikation. Wichtig ist die Luft, die man auf Tauchtiefe einatmet, wieder los zu werden. Das ist mit Asthma nicht sicher möglich.
  • Krampfleiden führen gegebenenfalls unter Wasser zu Kontrollverlust und zum Tode durch Ersticken und gefährden auch den Tauchpartner.
  • Diabetes, mit Insulin behandelt, ist vor allem für den Unerfahrenen eine klare Kontraindikation. Es sollten für mehr als zwölf Monate stabile Zuckerwerte vorliegen, bevor unter guter Beratung wieder getaucht wird.
  • Nach Operationen gibt es unterschiedliche Zeiträume, in denen nicht getaucht werden soll.
  • Angst und Panik verbietet das Tauchen.
  • Ebenso können Tauchaspiranten zu jung sein, um diesen Sport sicher auszuüben. Das bedarf einer wirklich individuellen Bewertung, vor allem mit den Eltern.

Haben Sie schon einmal eine Tauchtauglichkeit nicht ausgestellt?

 

Ja, das kommt immer wieder vor: wegen Krampfleiden, Diabetes, Angst, Herzrhythmusstörungen, akuten schweren Erkrankungen.

 

Es wird geschätzt, dass etwa ein Viertel der Menschen und somit wohl auch der Taucher ein offenes Foramen ovale hat. Für Taucher ist es wichtig zu wissen, ob dies bei ihnen der Fall ist. Wird es bei einer richtig durchgeführten Tauchtauglichkeits-Untersuchung sicher erkannt oder muss ich dafür eine Extra-Untersuchung machen?

 

Das offene Foramen ovale ist ein gern besprochener Punkt. Derzeit gibt es keine Anweisung, routinemäßig danach zu suchen. Die Folgen des offenen Foramen ovale (Dekompressionskrankheit mit neurologischer Komponente wie ein Schlaganfall) müssten bei den vielen Tauchgängen der vergangenen Jahre in den Statistiken deutlicher zu sehen sein, wenn dies ein vorsorgerelevanter Parameter wäre. Natürlich wird das Herz im Rahmen der Untersuchung abgehört, dabei auffallende Geräusche können auf ein offenes Foramen hinweisen. Es bedarf dann einer kardiologischen Spezialuntersuchung (Herzecho mit Kontrastmitteln).

 

Für wie wichtig halten Sie die Pflege der Ausrüstung, um sich zum Beispiel nicht durch Pilze und Bakterien zu infizieren?

 

Ausrüstungspflegeund Reinigung dienen in besonderem Maße der Sicherheit beim Tauchen. Technische Defekte können so auf ein Minimum reduziert werden. Desinfektion der Ausrüstung, vor allem der Teile, die mit dem Körper in unmittelbare Berührung kommen (Anzug, Füßlinge, Mundstück, Maske), schützt den Taucher vor unliebsamen Überraschungen wie Pilz- und Bakterien-Befall.

 

Gerade bei Leihausrüstung ist es wichtig, die Übertragung von Speichelresten zu vermeiden. Dies ist durch Frischwasserspülung nicht immer gegeben. Insbesondere in sehr warmen Ländern kann durch Desinfektion die Möglichkeit der Übertragung von Magen-Darm-Infektionen reduziert werden. Aber auch die Gefahr von Hautpilzinfektionen kann so wirksam reduziert werden. Insgesamt gibt eine desinfizierte Ausrüstung dem nachfolgenden Taucher auch das Gefühl, dass sich die Tauchbasis um das Equipment besonders bemüht. Auch in einem Restaurant wollen wir zu Recht frisches, sauberes Besteck.

 

 

Für den Besitzer der Ausrüstung ergeben sich, gerade in Deutschland, häufig lange Lagerzeiten für die Ausrüstung bis zur folgenden Saison. Wenn die Reinigung und Desinfektion entsprechend vorher durchgeführt wird, ist von einer guten Materialqualität auszugehen.  Die Kultivierung von Keimen auf der Oberfläche während dieser Lagerzeit spielt dann keine Rolle und kann nicht zu unerwarteten Infektionen während oder nach dem nächsten Tauchurlaub führen.



Ich habe selbst einmal ausführlicher nach Ursachen für Tauchunfälle geforscht und mit ein paar Ärzten gesprochen. Meinem Eindruck nach gibt es noch viele Unbekannte in der Tauchmedizin, zum Beispiel wenn es um die Unterschiede der Dekompression bei Männern und Frauen geht. Fühlen wir uns zu sicher? 

 

Insgesamt passieren relativ wenige Unfälle. Jüngere Frauen haben weniger Tauchunfälle als Männer. Das gleicht sich erst jenseits von 50 Jahren an. Das spricht meines Erachtens dafür, dass es keine echten Unterschiede in der Tauchphysiologie gibt. Es ist wohl eher die vermehrte Risikobereitschaft jüngerer männlicher Taucher, die das bewirkt. Neue Studien und Untersuchungen stellen Stickstoffblasen als alleinige Ursache für die DCS (Dekompressionskrankheit) in Frage. Im Gegensatz zur althergebrachten Vorstellung, dass allein Gasblasen die Dekompressionskrankheit auslösen, besteht heute die begründete Vermutung, dass der Zustand der Gefäßinnenwand des Tauchers und oxydativer Stress für die Ausbildung der Dekompressionserkrankung wesentlich mitverantwortlich sind. Ähnliche Effekte beobachtet die Medizin auch bei der Entstehung des Schlaganfalls und des Herzinfarktes.

 

Mit der zunehmenden Tiefe und Zeit unter Druck, wie sie durch das Tec-Diving erreicht werden, stellen sich immer neue Fragen, ergeben sich neue Antworten und entwickelt sich das tauchmedizinische Wissen rasant weiter. Sicherheit gibt es immer nur bis zum derzeit bekannten Stand der Dinge.

 

Was sind die wohl größten gesundheitlichen Fehler, die Taucher im Urlaub machen?

 

Taucher achten gelegentlich nicht gut genug auf die körperlichen Anzeichen einer gesundheitlichen Störung. Es wird oft dehydriert oder mit geringem Restalkohol getaucht, Alarmsignale wie Schwindel, Müdigkeit oder Kribbeln unter der Haut werden als Bagatellen abgetan, Husten und geringe Atemnot werden ignoriert. Der Tauchurlaub muss ja gelingen.

 

Und welche fünf Gesundheitstipps würden Sie Tauchern abschließend geben?

  • Immer ausgeruht tauchen!
  • Ausreichend Wasser trinken.
  • Nur geringer Alkoholkonsum am Abend vor den Tauchgängen.
  • Pflege des Gehörganges mit entsprechenden Tropfen.
  • Auch mal einen Tauchgang Pause einlegen, um zu regenerieren.

 

 

Vielen Dank für das Interview!


Weitere Informationen

 

Auf der Website der GTÜM gibt es umfangreiche Infos zum Thema Tauchtauglichkeit und zur Tauchmedizin. Dort kann man außerdem nach Taucherärzten in der Umgebung suchen.

 

 

Dr. Kahmann taucht seit 1987 am liebsten dort, „wo unter Wasser entspannte Erlebnisse möglich sind“. 1988 wurde er zum Pioniertaucher der Bundeswehr ausgebildet. Sein Medizinstudium beendete er 1993 nach Stationen in Regensburg, Frankfurt, Toronto, Australien und Kapstadt in München. 1994 absolvierte er den Einweisungslehrgang Taucherarzt am Schifffahrtsmedizinischen Institut der Marine in Kiel. 1995 wurde er Truppenarzt der Pionierschule und von 1995 bis 1997 und 1999 bis 2001 war er leitender Taucherarzt des Heeres in München. Seit 1999 ist Dr. Kahmann Mitglied der GTÜM mit der Qualifikation Tauchmedizin. Seit Januar 2000 ist er Facharzt für Allgemeinmedizin und führt seit 2001 seine Praxis in München. Schwerpunkte neben der Tauchmedizin: Reise-, Sport- und Allgemeinmedizin sowie Chirotherapie.


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