Manfred Balzer im Interview: „Wir waren damals die ersten an den Brothers Islands“

Autorin: Sonja Kaute


Manfred Balzer hat den Großteil seines Berufslebens dem Tauchen gewidmet: Er eröffnete die erste Tauchbasis in Ägypten, leitete den Barakuda International Aquanautic Club (heute International Aquanautic Club), gründete eine Firma für Tauchreisen. 2013 bekam er den „Tauchen Award“ für sein Lebenswerk. Im Interview blickt er zurück auf sechs Jahrzehnte in der Tauchbranche.

Manfred Balzer
Manfred Balzer

Sie sind inzwischen Rentner. Welche Rolle spielt das Tauchen noch in Ihrem Leben?

 

Richtig, ich bin Rentner. Ich mache gar nichts mehr, darf auch nicht mehr tauchen, weil mein linkes Auge kaputt ist. Wissen Sie, ich habe 1957 angefangen zu tauchen. Ich weiß gar nicht, wie viele Tauchgänge ich gemacht habe. Ich habe nicht mehr gezählt. Ich bin viel um die Welt gereist.

 

Wenn Sie zurückblicken auf Ihre Anfängerzeit als Taucher: Ist das noch mit heute zu vergleichen?

 

Nein, das ist gar nicht mehr vergleichbar, überhaupt nicht mehr. Ich habe damals im Mittelmeer tauchen gelernt, da war ich noch bei einer Versicherung. Die ersten zehn Jahre bin ich ganz ohne Brevet getaucht, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre habe ich an einer Gruppenreise nach Jordanien teilgenommen. Wir haben in Höhlen gewohnt, es gab dort ja keinerlei Tourismus. Wir haben uns einen Esel gemietet, der unsere Klamotten geschleppt hat und sind eine Woche lang mit Beduinen auf Kamelen gereist. Wenn der Hintern wund war, wurde er mit Petroleum eingeschmiert. Ich bin damals auf den Spuren von Lawrence von Arabien gewandert, weil ich mit 15 Jahren das erste Buch über ihn gelesen habe und davon begeistert war. Ich bin damals oft in Jordanien gewesen und auch mit dem König getaucht.

 

Sie haben in Ägypten die erste Tauchbasis eröffnet. Wie war das damals?

 

Ja, das ist richtig. Ich bin 1966 zum ersten Mal in Ägypten getaucht, in Hurghada. Damals gab es dort nur ein einziges Hotel und sonst nichts, außer dem Roten Meer. Ich bin dem Tauchen damals dort verfallen, es war der Anfang von allem. Ich habe dann dort mit meinem damaligen Kollegen Rudi Kneip die erste Tauchbasis eröffnet. Später habe ich in einem Hotel in Safaga ebenfalls die erste Tauchbasis vor Ort eröffnet. 

1979 mit Rudi Kneip in Hurghada
1979 mit Rudi Kneip in Hurghada

Und wie haben Sie damals die Taucher nach Ägypten geholt?

 

Für die Anreise musste man über Kairo reisen und dann sieben bis acht Stunden mit dem Bus durch die Wüste fahren. In der Zeitschrift Tauchen wurde damals ein Bericht über das Tauchen in Ägypten veröffentlicht. Es war eine miese Bewertung des Hotels, aber die Tauchgründe wurden als traumhaft beschrieben. Dadurch kamen die Taucher.

 

Außerdem haben wir damals die Firma Air Aqua Reisen gegründet, die auf Taucher zugeschnittene Reisen nach Ägypten im Angebot hatte. Die Firma gibt es inzwischen nicht mehr. Auch Flüge mit Hapag Lloyd habe ich damals angeleiert. Die gingen dann direkt nach Hurghada, sogar wöchentlich, und später sind sie auch nach Sharm el Sheikh und Safaga geflogen.

Wie machen Sie denn heute Urlaub: Spielt Ägypten dabei noch eine Rolle?

 

Nein, ich möchte nicht mehr so lange im Flieger sitzen. Ich habe ein Jahr meines Lebens in Flugzeugen und an Flughäfen verbracht. Heute fahre ich mit meiner Frau an die Ostsee oder zum Beispiel nach Sizilien.

 

Wenn Sie an Ihre Jahrzehnte in der Tauchbranche zurückdenken: Welche Anekdoten haben Sie dann im Kopf?

 

Es gibt viele persönliche Anekdoten. Ich erinnere mich an eine Reise in Eilat auf dem Sinai. Das war anfangs der 70er Jahre, nach dem Sechs-Tage-Krieg auf dem Sinai. Ein Freund hat damals von irgendwoher einen alten Jeep von 1944 besorgt und einen kleinen Bus. Und dann sind wir angefangen, den Sinai über und unter Wasser zu erkunden. Wir haben mit Decken im Sand geschlafen und sind tauchen gegangen. Genauso verhielt es sich mit Norwegen, da waren wir auch die ersten.

Sinai-Safari 1972
Sinai-Safari 1972

In Jerusalem hat ein Freund mal die angebliche Vorhaut von Jesus angeboten bekommen, so wie wahrscheinlich tausende Menschen zuvor und danach. (lacht) Und ich habe ja auch noch andere Tauchbasen in Ägypten betrieben, sieben Stück insgesamt. Damit sind viele Erinnerungen verknüpft. An den Basen habe ich nach einigen Jahren Beteiligungen abgeben oder sie ganz verkauft. Geschäfte machen in Ägypten, das war damals nicht so einfach. Es lief alles per Handschlag. Ich weiß nicht, ob das heute noch so geht.

 

Sie haben in Ägypten durchaus auch unter Wasser Pionierarbeit geleistet, oder?

 

Ja. Zum Beispiel wusste ich damals, dass es die Brother Islands im Roten Meer gibt. Ich dachte mir: „Da müsstest du doch mal hin.“ Da ich Nautiker war und segeln konnte, sind wir mit einer Gruppe von Leuten von Safaga aus los, auf den Leuchtturm zu, und sind dann zwölf Tage lang vor den Inseln liegen geblieben. In einem offenen Fischerboot. Wir haben alle an Deck geschlafen. Nach sechs Tagen gab es nur noch Brot und Wasser, weil wir gar nicht genug Verpflegung dabei hatten. Aber wir wollten auch nicht weg, es war zu schön. Wir haben daher Langusten gefangen und uns drei oder vier Tage lang davon ernährt. Seitdem esse ich keine Langusten mehr. (lacht)

Auf diesem Boot lebten 12 Tage lang 8 Taucher und 2 Ägypter vor den Brothers Islands.
Auf diesem Boot lebten 12 Tage lang 8 Taucher und 2 Ägypter vor den Brothers Islands.

Wie war das, zu dieser Zeit an den Brothers zu tauchen?

 

Das Tauchen dort war völlig anders als heute. Heute liegen da acht Schiffe am Tag. Wir waren damals die ersten, die zum Tauchen dorthin gefahren sind. Und ich war einer der ersten, die unter Wasser gefilmt haben. Ich habe angefangen mit dem Schmalfilm-Format Super 8. Das war ein riesen Akt, weil die Filmausrüstung so schwer war und man einen Film einlegen und später entwickeln musste. Aber das Tauchen war so schön dort! Ich habe noch Filme davon, zum Beispiel von den ersten Haibegegnungen. Ausschnitte davon sind auch schon im Fernsehen gelaufen. Ich muss die mal auf CD machen lassen. Mein Sohn filmt übrigens heute auch unter Wasser. Es gibt zum Beispiel ein tolles Video vom Sardine Run in Südafrika von ihm.   

Video: Henrik Balzer

Haben sich generell Flora und Fauna unter Wasser sichtbar verändert in den letzten Jahrzehnten?

 

(Zögert) Ja, ich denke schon. Mein Sohn Henrik Balzer ist ja auch viel unterwegs unter Wasser. [Henrik Balzer ist Inhaber und Geschäftsführer des International Aquanautic Club, Anmerk. d. Redaktion.] Er erzählt mir manchmal von Gebieten, die ich noch von früher kenne und dann merkt man, dass sich die Welt unter Wasser teils verschlechtert hat. An manchen Orten ist nix mehr da.

 

Was denken Sie: Haben es Tauchbasen-Betreiber heute leichter oder schwerer als früher?

 

Schwerer. Viele müssen dicke Mieten bezahlen, weil alle die Hand aufhalten. In unserem Hotel in Safaga gab es damals jeden Monat eine Tauchlehrer-Ausbildung, heute gibt es die noch höchsten einmal im Jahr. Jede Tauchbasis macht heute ihr eigenes Ding. Und die Kunden haben sich auch verändert. Heute muss man um fast jeden Taucher bitten. Das Freizeittauchen ist heute ein anderes Tauchen als früher: Heute lernen die Leute am Urlaubsort tauchen, früher sind sie nur fürs Tauchern dorthin gereist.

 

Die Tauchbranche und auch der Tauchsport an sich haben sich stark gewandelt: Der Sport ist technischer geworden, die Ausbildung viel mehr in Spezialeinheiten untergliedert, es gibt kaum noch Gebiete, die taucherisch nicht erschlossen sind. Welche Entwicklungen empfinden Sie als eher negativ?

 

Was mich abschreckt, sind Leute, die meinen, 100 Meter und tiefer tauchen zu müssen. Außerdem denken heute alle, sie müssten irgendwo mal einen Hai gestreichelt haben. Mir selbst ging es beim Tauchen eigentlich immer nur um das Erleben der Unterwasserwelt, nicht um Rekorde oder das Ausloten von Grenzen.

 

 

Herzlichen Dank für diesen interessanten Rückblick!


Alle Bilder: Manfred Balzer privat


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