Gastbeitrag: Auge in Auge mit den Krokodilen von Chinchorro in Mexiko

Autor: Dive Cooky


Seit 2014 wird im Wilden Westen propagiert, man müsse mit Krokodilen im Wasser gewesen sein. Wem der Mumm fehlt, zum Beispiel mit Walter Bernardis im Okawango-Delta mit bis zu sechs Meter großen Krokodilen ins Wasser zu gehen, für den wäre wohl Chinchorro in Mexiko die Wahl. Gastautor DiveCooky hat von dort tolle Bilder mitgebracht. Seine Begeisterung hält sich trotzdem in Grenzen.

Am Flughafen Cancun in Mexiko empfängt uns Dietmar von Blue Rush. Er und Raffaella Schlegel haben vorher jahrelang in Südafrika in Aliwal Shoal mit Walter Bernardis das Tauchen mit Tigerhaien betrieben. Und sind vor etwas über einem Jahr nach Mexiko und bieten nun unter anderem die Sondertour mit den Crocs in Chinchorro an.

 

Wir kommen im Sotavento unter. Mitten an der Hauptstraße macht es einen kleinen Schlenker in eine Nebenstraße und dort liegt das kleine und schnucklige Hotel, eingebettet in Palmen und auf der Rückseite mit direkter Lage an den Mangroven in der Lagune von Cancun. Kein großer Ferienbunker, sondern kleinere Einheiten blockartig verteilt zu je 60$/Nacht. Es gibt WLAN, tägliches zwar wechselndes, dafür aber sehr einsilbiges Frühstück. Zimmer sind geräumig und ok, auch wenn warmes Wasser bei mir während meines Aufenthaltes nicht funktionieren will. Dafür tut es die Klimaanlage.

Aufbruch ins Abenteuer

 

Um 8.30 Uhr soll am Folgemorgen die Reise gen Marinepark Xcalak und später gen Chinchorro losgehen. Natürlich ist dies eine mexikanische Zeitangabe. Es wird irgendwas gegen 9 oder halb zehn. Vollgepackt in einem kleinen Reisebus brechen wir in unser Abenteuer auf. 5-6 Stunden Fahrt stehen auf dem Fahrplan, am Nachmittag soll nochmal getaucht werden. Daraus wird aber irgendwie nichts. Warum wissen wir nicht so recht, nach einer guten halben Flasche Rum hätten dafür auch die PADI-Regeln etwas gedehnt werden müssen, also bohren wir auch nicht weiter nach.

Im XTC Dive Center angekommen, sticht einem sofort ein fischiger/modriger Geruch in die Nase. Der zweite Blick erkennt, warum. Mangroven werden an den Strand geschwemmt und verwesen dort. Bergeweise. Je nach Windrichtung sticht es mal mehr und mal weniger, meist aber mehr. Die Zimmer sind einfach und funktional, keine Klimaanlage, aber Ventilator. Dafür dass es 200 Kilometer bis zur nächst größeren Zivilisation sind, braucht man nicht meckern. Das wird leider auch direkt bei der Speisekarte ersichtlich. Ein Großteil ist gerade nicht verfügbar, dafür sind die Pesto-Pasta wirklich hervorragend (aber kalt). Und der Cuba Libre wird in zeitnahen Abständen gebracht.

 

Am nächsten Morgen steht Frühstück für 6 Uhr auf dem Plan. Ist natürlich wieder eine mexikanische Zeitangabe. Ich glaube, es war dann Viertel vor sieben, an der Qualität war wieder nichts zu meckern. Man bestellt einfach was man will aus dem mexikanischen Repertoire, ohne dass es dafür eine Karte gibt. Überraschenderweise bleiben wir knapp im angegebenen Zeitplan für die Abfahrt nach Chinchorro. Wer denkt: „Ui, das ist hier aber Basic“, der sollte nun aufhören zu lesen.

 

Endlich ab ins Wasser

 

Bei guten Bedingungen (wenig Wind und Welle), geht es mit einem Speedboot für rund ein bis eineinhalb Stunden raus. Wer die Bekleidung der Crew sieht, ahnt was kommt. Man sollte auf jeden Fall alles, was nicht irgendwie nass werden sollte, in die Cases verstauen.

 

Nach 1,5 Stunden bei guten Bedingungen und einer Durchschnittsgeschwindigkeit von über 20 Knoten erreichen wir die Lagune von Chinchorro. Klatschnass. Wer auf den Azoren oder Südafrika bereits einmal mit Zodiacs herausgefahren ist, kann sich in etwa ein Bild machen. Meist bin ich dort aber trockener geblieben.

 

Auch nicht so richtig mitgeteilt wurde uns, dass wir direkt vom Boot den ersten Tauchgang machen. Für mich hat das bedeutet, circa 20 Minuten auf einem schaukelnden Boot sowohl mein Tauch- als auch mein Video-/Fotoequipment zusammenzusuchen. Sei es drum, also endlich ab ins Wasser.

 

Rotfeuerfische zum Anfüttern der Krokodile

 

Wir sind auf der Außenseite der Lagune und unser Fokus liegt auf Rotfeuerfischen. Diese sind die einzigen, die hier gejagt werden dürfen und werden zum Anfüttern der Krokodile verwendet. Zwei Guides sind folglich mit Harpunen ausgestattet und sammeln fleißig ein. Die Sicht ist recht bescheiden, die Sichtungen auch.


Von den im letzten Jahr wohl noch sehr zahlreichen Ammenhaien lassen sich lediglich zwei finden. Im Laufe des Tages bekommen wir erzählt, warum: Den lokalen Fischern wurde wohl irgendwoher Geld geboten für deren Flossen. Das hat dann eine drastische Reduktion der Anzahl zur Folge gehabt. Es findet sich noch eine scheue Schildkröte und ein Whiptail-Rochen. Wirklich ein Jammer mit den Ammenhaien.

 

Dann geht es weiter nach Chinchorro, nach 15 bis 20 Minuten durch die Lagune sind wir da. Ich lasse hier ausschweifende Erzählungen aus, Bilder zählen mehr als Worte. Insgesamt sind wir rund 14 Personen auf sehr engem Raum.

Die ersten Crocs

 

Nach kurzem Auspacken fährt der Skipper mit Gehilfen 50 Meter Luftlinie zu den Mangroven und beginnt zu ködern. Recht schnell zeigen sich drei Crocs. Bereits auf dem Weg zu uns, kommt aber ein Speedboot der Küstenwache in die Lagune gedonnert und die Crocs eilen zurück in die Mangroven. Neuer Versuch und letztlich ist es 14.30 Uhr, bis die ersten ins Wasser dürfen.

 

Das Croc befindet sich nun genau vor dem Fischerhaus, es gibt dort eine kleine Sandarena, mit einem rund 30 Zentimeter hohen Absatz ins Gras. Die Wassertiefe in der Arena beträgt nur rund 1,50 Meter, auf dem Gras 50 Zentimeter. So entstehen nahezu alle bekannten Bilder von Chinchorro genau auf diesem Absatz. Kalorien verbrennt nur das Herz beim Pochen.

Die Lizenz erlaubt es, bis 6 Uhr im Wasser zu bleiben. Weil Blue Rush letztes Jahr bereits dort war, dürfen sie zusätzlich zum Sicherheitstaucher und zwei Gästen ins Wasser. Somit sind wir drei Gruppen und haben insgesamt etwas über eine Stunde mit dem Croc. Bei mehr Gruppen reduziert sich das Ganze entsprechend.

 

Zähnefletschende Urzeitreptilien

 

Je nach eigener Aktivität und Aktivität der Vorgruppe ist der Sand mehr oder weniger aufgewirbelt. Ruhige Bewegungen sind also nicht nur wegen des Krokodils angebracht. Allerdings gibt es eine beständige Ost-West-Strömung, die das Wasser recht schnell wieder aufklart.

 

Und steht man erstmal diesem Urzeitreptil gegenüber und es schaut einem zähnefletschend direkt in die Augen, ist das schon eine verdammt geile Begegnung. Die nächsten 30 Minuten wird geknipst und gefilmt, was die Batterie hergibt. Außerhalb ist der Baiter weiterhin aktiv und versucht so, das Croc in Bewegung zu halten. Somit bleibt es nicht reglos in einer Position, sondern bietet durchaus einiges an Action, insbesondere dann, wenn es mal schnappt oder zu einem runter in die Sandarena kommt.

Nach insgesamt drei Sessions müssen wir das Wasser leider verlassen. Das nervt natürlich schon, wenn man endlich das hat, wofür man die Strapazen auf sich genommen hat und dann ist nach gut einer Stunde Schluss.

 

Robinson-Crusoe-Feeling

 

Nach dem Essen lässt die angekündigte Idylle leider noch etwas auf sich warten. Das Nachbarshaus kühlt seinen Fisch mit einem Generator. Um 21.32 Uhr hört der Generator nebenan auf und es verbreitet sich tatsächlich so etwas wie Robinson-Crusoe-Feeling. Zwischen den beiden Hängemattennachbarn schläft es sich allerdings recht schlecht, in der Hängematte tut nach drei Stunden das Kreuz weh, und die halbe Mannschaft schnarcht. Glücklicherweise habe ich von Ohrenstöpsel. Die sollte man auf keinen Fall vergessen!

 

Über mehrere Abschnitte klappt es bis morgens um 6 Uhr, ein paar Mützen Schlaf zu erhaschen. Zum Frühstück gibt es Toast und Nutella, das reicht mir vollkommen! Nutella und ich bin glücklich, zur Not roh!

Dann geht es irgendwann zum ersten Tauchgang. Aber eigentlich geht es wieder nur darum, Rotfeuerfische zu bekommen. Wer in der Karibik schon viele Tauchgänge absolviert hat, muss sich auf Langeweile einstellen, für den Rest bleibt eigentlich ganz ordentliche Sicht, viele Schwebteilchen, viele und große Schwämme, und es kommen auch ein Rochen und ein Ammenhai vorbei.

 

Warten, warten, warten

 

Das Anfüttern dauert heut extrem lange. Selbst für ein mexikanisches Zeitgefühl. Möchte man den Bedenkenträger der Nation spielen, fragt man sich recht schnell, warum überhaupt noch Crocs kommen. In freier Wildbahn können Sie oft Monate überleben ohne Essen, und hier gibt es mittlerweile während der dreimonatigen Fütterungszeit fast täglich Happi. Eine Verringerung der Sichtungen zum letzten Jahr ist wohl auch bereits eingetreten, und es gab auch bereits Tage komplett ohne Croc. Dann hat man für die Strapazen natürlich das richtig große Los gezogen. Wobei ich ja auch bereits zwei Mal in Mozambique gewesen bin und es insgesamt auf nur 45 Minuten Manta und 0 Minuten Walhai gebracht habe.

 

Die Zeit rinnt davon, die Crocs bleiben weg oder haben es eilig

 

Als die ersten Crocs auf dem Weg sind, beginnt ein Fischer in der Hütte davor, sie zu füttern und hält sie somit auf. Gegen 3 Uhr trifft endlich das erste Croc ein. Damit steht uns noch maximal eine Stunde mit dem Tier zur Verfügung. Noch dazu ist es leider kein wirklich aktives und eher scheues Croc. Es war angeblich auch noch nicht oft da. Während unserer Session entstehen auch keine wirklich brauchbaren Bilder/Videos. Dann verschwindet es sogar ganz und es dauert wiederum eine gefühlte Ewigkeit, bis sich zum Glück das große Croc von gestern erbarmt, uns einen Besuch abzustatten.

Für den zweiten Durchlauf bleiben letztlich nur noch 20 Minuten. Da wird ein „den ganzen Tag mit Crocs“ schnell eingedampft. Mit dem um 6 Uhr noch anwesenden Croc bekommen wir ein paar coole Drohnenaufnahmen und die Sonne senkt sich bereits wieder gen Westen.

In der Nacht auf Tag drei versuchen wir ab drei Uhr mit einem Futterkorb im Wasser Krokodile anzulocken. Und ab 6 Uhr stelle ich mich aufs Boot und lasse munter den toten Fisch aufs Wasser klatschen um eventuell ein von der nächtlichen Jagd zurückkommendes Croc abzufangen. Erfolglos. Also wieder tauchen. Zugegebenermaßen ist die Lust darauf nicht sehr groß. Man ist ja hier wegen den Crocs. Aber Reptilien sind nun auch nicht gerade für Ihre Tagaktivität bekannt. Am letzten Tag müssen wir gegen drei Uhr aufbrechen, das lässt das Zeitfenster dann ziemlich eng werden.

 

Als erstes am Croc

 

Ehrlicherweise haben wir bereits gar nicht mehr daran geglaubt, dass noch eines kommt. Doch es kam. Und wir durften als erstes ins Wasser. Es entsteht nochmal eine richtig coole 30-minütige Session, mit Croc im Sand und überall.

Nach Gruppe zwei hat es aber wieder ab und wieder verlieren wir wertvolle Zeit. Wir bekommen nochmals 20 Minuten mit ihm, Gruppe 2 hat aber gänzlich Pech, da es nach uns abhaut und wir die Rückreise antreten müssen. Mit dem Wind im Rücken und knapp 30 Knoten bleibt der Rückweg überwiegend trocken und dauert nur knapp über eine Stunde.

 

Fazit

 

In der Nachbetrachtung muss man wohl festhalten, dass wir insgesamt gute Bedingungen erwischt haben, auch wenn das vor Ort mit einem Lernprozess verbunden gewesen ist. Unsere Vorstellungen und Erwartungen sind anscheinend zu hoch gewesen und wir haben uns ein falsches Bild gemacht beziehungsweise gemacht bekommen.

 

Die Wetterbedingungen sind gut gewesen. Wenn es hier nachts ordentlich windet oder gar regnet (schließlich ist Hurrikane-Zeit), dann wird es richtig kuschlig eng, so schläft jeder irgendwo. Aber acht Gäste sind meiner Meinung nach zu viel.

Im letzten Jahr gab es auch keinerlei Lademöglichkeit für Akkus. Da hat der vermietende Fischer allerdings aufgerüstet, lässt sich dies von XTC wohl kräftig bezahlen.

 

Auf den Punkt: Hier wollen ein paar lokale Leute schnell das große Geld machen und springen auf den weltweit immer populärer werdenden „Ich-verkaufe-Basic-als-Luxus“-Zug auf. Sind sich aber nicht ganz im Klaren darüber, was es dann eben doch braucht. Und wer Fotografen und Videofilmern Crocs anbietet, der sollte eine gescheite Ladeversorgung, einen Kameratisch, ein Spülbecken und genügend Süß-oder Regenwasser vor Ort haben. Dabei spreche ich noch nicht mal von genügend Frischwasser zum Duschen, auch wenn drei Liter am Abend für die Dusche nicht jedermanns/-fraus Sache sind. Mir hat’s gereicht.

 

Oder möchte man den typischen Tagestouristen ansprechen, der einfach nur von sich behaupten will, einmal mit einem Croc im Wasser gewesen zu sein? Ähnlich wie bei den Walhaien, oder auch ein bisschen wie in Guadalupe? Das ist mir wirklich noch nicht ganz klar, und den Leuten vor Ort wohl auch nicht. Aktuell ist viel in Bewegung, viele Gerüchte und Zustände, von denen man nur mit Sicherheit sagen kann, dass nächstes Jahr vermutlich bereits einiges anders sein wird. Spätestens in zwei Jahren.

 

Derzeit ist XTC eher auf dem Touri-Modell unterwegs als weniger Leuten tatsächlich die Möglichkeit zu geben, diese faszinierenden Tiere ausgiebiger in ihrem Lebensraum kennen zu lernen.

Insgesamt sind wir circa drei Stunden wirklich mit Crocs im Wasser gewesen. Was nach allen Rückmeldungen von außen ein guter Wert ist. Währenddessen sind coole Bilder und Videos entstanden, und das Gefühl, einem Croc in die Augen zu schauen und auch etwas über sein Verhalten und seinen Charakter zu lernen, war wirklich ein beeindruckender Moment. Diesen Blick werde ich wohl nicht mehr vergessen…

 

Ich habe versucht, die Fakten so detailliert wie möglich zu beschreiben. Ob drei Stunden mit einem Croc im Wasser den Aufwand/die Strapazen und das Geld wert sind, müsst ihr selber entscheiden. Schaut euch aber auf jeden Fall genau an, wer da was anbietet. Eventuell gibt es bald Alternativen zu XTC.


Marc Herbrechter betreibt unter dem Namen Zebroc ein feines Blog über Startups und übers Reisen. Der 32-Jährige ist ortsunabhängiger Unternehmer und lebt derzeit meist in Berlin oder Kapstadt. Und er ist Taucher, mit einem Hang zu herausfordernden Tauchplätzen.


Bilder: DiveCooky. Drohnen-Bilder Michael Supp von Supp Diving Heilbronn.

 

Dieser Gastbeitrag ist eine gekürzte Fassung des Originalbeitrags im Blog von DiveCooky. Die Reise fand statt über 13 Tage im August 2015. Wir bedanken uns für die Kooperation!


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