6 Gründe, warum man unter Wasser keine Lebewesen anfassen sollte

Autorin: Sonja Kaute


Foto: iStock_AndamanSE
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Es mag verlockend sein, doch unter Wasser ist das Anfassen von Lebewesen ein No-Go – auch, wenn man das immer wieder sieht. Man gefährdet damit nicht nur sich selbst, sondern auch die Umwelt, die wir alle so gerne bestaunen. 6 triftige Gründe, warum das Anfassen von Lebewesen verboten ist. Weitersagen!

1. Alles auf Abwehr: Stachel! Überall Stachel! Und Gift!

 

Panik ist natürlich unangebracht, aber es ist schon etwas dran: Unter Wasser findet man Stachel selbst dort, wo man sie nicht vermutet. Einfachstes Beispiel dafür sind natürlich Seeigel. Wer schon einmal Seeigel-Stachel in der Hand oder im Fuß hatte, die sich entzündet haben, weiß, wie fies das ist.

 

Allerdings haben auch viele Fische Stachel, die man auf den ersten und zweiten Blick überhaupt nicht sieht. Diese befinden sich in den Rücken- oder seitlichen Flossen und werden bei Gefahr in Stellung gebracht. Derartige Stachel haben zum Beispiel Drückerfische in den Flossen.

 

Doktorfische haben eine etwas andere Art von schmerzhafter Abwehr: An der Körperseite befinden sich kurz vor dem Schwanzansatz scharfkantige Fortsätze, nicht umsonst auch „Skalpelle“ genannt. Versucht ein Jäger, einen solchen Fisch zu schnappen, lässt der Räuber vielleicht von ihm los, um sich nicht zu verletzen. Beim Menschen können durch die Skalpelle verursachte Verletzungen wochenlange Schmerzen verursachen.

 

Tiere wie Stachelrochen setzen ihren Stachel bei Bedrohung sogar aktiv ein, indem sie mit dem Schwanz „schlagen“. Auf diese Weise ist Steve Irwin vor einigen Jahren bei Dreharbeiten im Wasser ums Leben gekommen. Es gilt also, bewusste oder unbewusste Provokation zu vermeiden und entsprechenden Abstand zu wahren.

 

Wie wir alle wissen, enthalten einige der Stachel Gift, zum Beispiel die der prächtigen Rotfeuerfische (Titelbild oben). Es gibt noch unzählige weitere Arten von Tieren unter Wasser, die (giftige) Stachel oder wie die hochgiftige Kegelschnecke sogar eine Art Pfeil besitzen. Auch einige giftige Quallen wie die Portugiesische Galeere besitzen Nesselkapseln, die bei Berührung wie kleine Harpunen in die Haut des Opfers „geschossen“ werden. Bei einer Würfelqualle, auch Seewespe genannt und eines der giftigsten Tiere der Welt, kann das tödlich enden.

 

Übrigens: Auch scharfe Kanten an Felsen, insbesondere bei Bewuchs mit Seepocken oder Muscheln, und sogar Weich- und Hartkorallen wie die Feuerkoralle können böse Verletzungen und tiefe, lange nicht heilende Wunden verursachen. Finger weg!

 

2. Unsichtbare Gefahr: Tarnung ist alles!

 

Vermutlich hat der ein oder andere beim Lesen bereits an Stein- und Skorpionfische gedacht (siehe Bild unten). Diese Tiere sind perfekte Tarnmeister und als wäre das noch nicht genug, besitzen sie obendrein giftige Stachel. Wer daher nicht sieht, dass es sich bei dem vermeintlichen Stein mit Algenbesatz um einen solchen Fisch handelt, muss ernsthafte Verletzungen befürchten. Nicht nur kann das Gewebe rund um eine solche Stichstelle absterben, das Gift verursacht auch sehr starke Schmerzen und die Wunde kann Monate, wenn nicht Jahre brauchen, bis sie heilt.

Foto: istockphoto.com/Velvetfish
Foto: istockphoto.com/Velvetfish

3. Wenn nichts mehr hilft: Zubeißen!

 

Natürlich haben nicht alle Tiere unter Wasser giftige Stachel. Gefährlich werden können Tiere aber auch dann, wenn sie zur Gefahrenabwehr zubeißen. Sie tun das allerdings so gut wie nie aus purer Aggressivität, sondern eher als letzte Notlösung bei drohender Gefahr oder nach (unbewusster) Provokation. Meistens ist in so einem Fall der Taucher wohl selber schuld. Wer seine Hände bei sich behält, anstatt Felsen und Tiere anzufassen oder in Spalten hineinzugreifen, taucht sicherer – und umweltbewusster.

 

4. Schleim ist gut!

 

Stachel, Gift und Bisse sind sehr handfeste Gründe gegen das Anfassen von Tieren unter Wasser, denn dadurch können wir als Taucher verletzt werden. Aber das heißt nicht, dass man alles, was keine Giftstachel und spitzen Zähne besitzt, anfassen darf. Denn es geht auch darum, die Tiere nicht zu verletzen und nicht in die Umwelt einzugreifen. Viele Fische und auch Korallen sind umgeben mit einer dünnen, unsichtbaren und anti-bakteriellen Schleimschicht. Sie übernimmt eine wichtige Rolle bei der Gesundheit der Tiere, denn sie hält Infektionen und Parasiten fern. Berührt man die Tiere, verletzt oder zerstört man diese Schleimschicht und macht die Tiere so anfällig für Parasitenbefall oder Infektionen. Das kann man teilweise an Tauchplätzen beobachten, wo regelmäßig bestimmte Tiere angefüttert und begrapscht werden. Manchmal haben diese dann Parasiten oder wunde Stellen.

 

5. Anfüttern: Finger sind keine Würstchen!

 

Apropos anfüttern. Tiere, die regelmäßig von Tauchern angefüttert werden, gewöhnen sich daran. Und das kann zweierlei unerwünschte Effekte haben. Erstens stört dies die natürliche Nahrungskette und ist somit ein Eingriff in die Umwelt. Zweitens kann es passieren, dass diese Tiere beim Anblick von Tauchern auch dann nach Nahrung schnappen, wenn es gar keine gibt – und dann zum Beispiel Finger und Hände mit Würstchen, Thunfisch oder Eiern verwechseln.

 

6. Unsichtbare Gefahren: Was wir nicht einschätzen können

 

Es gibt also sehr klare Gründe, warum man marines Leben nicht anfassen sollte. Einige Dinge können wir aber selbst gar nicht an Ort und Stelle einschätzen. Holt man zum Beispiel ein Tier hervor, um mit ihm zu spielen, kann es sein, dass wir gar nicht merken, dass

  • wir das Tier dabei verletzen
  • dass es den Rückweg in das schützende Heim nicht schafft, ohne gefressen zu werden oder
  • dass wir den Unterschlupf beschädigt haben.

Möglich also, dass wir auf den ersten Blick nichts Schlimmes vorhatten, jedoch nichts desto trotz großen Schaden angerichtet haben.

 

Fazit: Finger weg!

 

Das Fazit ist klar und deutlich: Finger weg von allem unter Wasser! Es gilt, die Finger bei sich zu halten und die Tiere mit genügend Respekt und Abstand zu bewundern. Wir tauchen ohnehin ruhiger und mit besserer Stromlinienform, wenn wir die Arme am Körper halten. Begrapschen wir die Unterwasserwelt um uns herum, können wir uns selbst oder sogar die Tiere, die wir eigentlich bestaunen und beobachten wollen, verletzen und greifen in natürliche Prozesse ein. Und das womöglich weit über den Moment selbst hinaus, mit schwerwiegenden Folgen, von denen wir gar nichts mehr mitbekommen.

 

Eins noch: Handschuhe verleiten zum Anfassen!

 

An diesen Artikel gehört unbedingt noch ein Warnhinweis. Es geht um Handschuhe. Sie wärmen nicht nur, sondern können unsere Hände auch vor Verletzungen schützen. Sie verleiten aber auch dazu, mehr anzufassen als nötig. Und sie sind auf keinen Fall dafür gedacht, mangelnde Übung bei der Tarierung auszugleichen, weil man sich ja beliebig abstoßen, festhalten, runterziehen kann! Deshalb gibt es viele Tauchbasen in wärmeren Gefilden, die das Tragen von Handschuhen verbieten, um die Unterwasserwelt vor allzu eifrigen Händen zu schützen. Für den Wärmeschutz im kalten Wasser sind Handschuhe natürlich unverzichtbar, als Schutz vor scharfen Kanten, feurigen Korallen, Stacheln oder Bissen eher nicht.


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