Interview: Tauchen in den vergessenen Seen von Westpommern und Rumänien

Autorin: Sonja Kaute


Bodo Schink kennt sich aus, auch dort, wo die meisten Taucher noch nie waren. Rund 160 Seen hat der 64-Jährige betaucht. Uns hat er von einer Torpedostation, von längst vergessenen Seen und betauchbaren Wasserhöhlen in Westpommern und Rumänien erzählt.

 


Sie kennen sich im polnischen Westpommern gut aus und haben mir erzählt, dass es dort viele tolle Tauchplätze gibt, die in Deutschland völlig unbekannt sind. Um welche Tauchplätze handelt es sich?

Im grenznahen Gebiet, damit meine ich bis 100 Kilometer Entfernung bis zur Grenze, gibt es weit über 1000 Seen und viele Seengebiete. Und dann ist da natürlich die Ostseeküste. Von Swinemünde bis Kolberg liegen hier reichlich Wracks, aber kaum einer fährt hierhin. Ein paar Beispiele für Seengebiete:

  • Insker Seen (37 Seen)
  • Drawsker Seenplatte (35 Seen, der tiefste ist 82 Meter tief)
  • Stargarder Gebiet (28 Seen)
  • Mohriner Gebiet (42 Seen, der tiefste ist 69 Meter tief)
  • Soldiner Seen (23 Seen)
  • Woldenberger Seen (18 Seen)
  • Lebuser Seenland (83 Seen, tiefster See 56 Meter)

In diesen Gebieten ist die Anzahl der Seen in den besten Wasserqualitätsstufen höher als in den vergleichbaren Gebieten von zum Beispiel Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern. Ein Beispiel: der Bleiensee (Jez Gardzko). Er liegt etwa 30 Kilometer südöstlich von Stargard in der Nähe der Ortschaften Suchan und Dolice. Ich war erstmalig im Juli 2014 dort. Seine Oberflächentemperatur betrug 25 C°, die Sichtweite in drei Metern Tiefe fünf Meter. Der See ist oligotroph, Stufe I. Hier findet man Caraceenrasen und viele Fische, Tauchbeschränkungen gibt es nicht.


GPS Einstieg Badestelle:  B 53°11,5837’N      L 15°17,2295‘E


Für 2015 wurde ich von einem Verein gebeten, eine Ausfahrt in das Gebiet von Borne Sulinowo (verbotene russische Stadt) zu organisieren. In den Seen liegen dort Hinterlassenschaften verschiedener Armeen. Es gibt sehr klare Seen, auch Scuben ist möglich. Wer Lust hat, kann mich kontaktieren und sich anschließen.

 

In Westpommern gibt es auch Kreideseen, die für Taucher interessant sein sollen. Wo liegen diese genau und was macht sie besonders?

 

Die Kreideseen liegen im Gebiet nordöstlich von Stettin bis hin zur Ostseeküste, alle im Bereich von Kreideaufschlüssen in Oberflächennähe. Es sind die Tagebaurestlöcher von ehemaligen deutschen Kreidegruben. Die Kreide wurde ab 1870 für die Portlandzement-Produktion verwendet. Durch Recherchen in den Berichten von Vertriebenen sowie der Auswertung alter deutscher Karten habe ich bisher sieben Kreideseen wieder gefunden. Die Seen liegen innerhalb von großen Wäldern und sind nicht einfach zu finden. In der näheren Umgebung ist keine Infrastruktur vorhanden. Das besondere an diesen Seen ist: Sie sind lebendig, keine toten Seen wie zum Beispiel Hemmoor. Man findet Steilwände, versunkene Wälder und auch Reste des Bergbaus. Interessierte Taucher sollten sich hier am besten führen lassen.

 

Sie haben mir verraten, der Madüsee nahe der Stadt Stargard in Westpommern habe ebenfalls etwas ganz Besonderes zu bieten. Worum handelt es sich da?

 

Im Madüsee steht die am besten erhaltene Torpedo-Versuchstation der Wehrmacht. Dicht daneben liegt in 18 Metern Tiefe ein Torpedosuchboot. Die Anlage ist nur mit einem Boot erreichbar. Im Süden des Sees befinden sich einige Steinfelder im Wasser, vor den Schlössern am Ostufer gibt es Kulturhalden. Im See lebt eine endemische Maränenart, die ganz hervorragend schmeckt. Die Umgebung ist reich an historischen Bauwerken. Der Madüsee ist 36 Quadratkilometer groß, 43 Meter tief, die Wasserqualität ist mesotroph (II). Es befindet sich keine Basis am See. Fahrten zur Torpedostation werden von unserer Interessengemeinschaft angemeldet und begleitet.

An der von Ihnen bereits erwähnten Lebuser Seenplatte, rund eine Stunde Autofahrt östlich der Grenze zu Deutschland, soll unkompliziertes Tauchen möglich sein. Was kann ich dort unter Wasser erleben?

Das Tauchen ist überall in Polen unkompliziert, sofern man sich mit genügend Luft versieht. Niemand muss sich irgendwo anmelden, jeder ist für das, was er macht, selbst verantwortlich. Es gibt in den ländlichen Gegenden keine Basen oder Shops. Die nächsten Shops sind im günstigsten Fall 40 bis 60 Kilometer entfernt. Die Lagower Seenkette ist noch am besten bekannt, im bis zu 56 Meter tiefen Ciecz See gibt es in direkter Ufernähe zwei Steilwände. Die eine ist ein natürlicher Braunkohlenaufschluss, die andere eine weiße Wand (Kalkmergel). Diese Tauchstellen sind nur mit einem Boot erreichbar. Der See ist sehr klar, Sichtweiten von fünf bis sechs Metern im Sommer sind häufig. Im Gebiet der Lebuser Seenplatte  mit ihren 83 Seen sind 14 Seen besonders klar (oligotroph).

 

Ein besonderes Highlight ist der sogenannte Ostwall, in dem sich mehrere Seen befinden. Die Befestigungen erstrecken sich zwischen Warthe und Oder. Einige der dort befindlichen Bunkeranlagen sind voll Wasser gelaufen und lassen sich betauchen.

Warum kennt all diese Plätze Ihrer Meinung nach kaum jemand in Deutschland?

 

Es wird nichts berichtet. Falls sich mal ein deutscher Taucher in die ehemaligen deutsche Siedlungsgebiete verirrt, so wird das Wissen nicht weiter gereicht. In den Vereinen oder auch Schulen kennt jeder fast immer nur sein Stammwasser, wo er immer hingeht. Dass man ein Stück weiter sehen kann und etwas anderes sieht, ist vielleicht zu anstrengend. Oder man hat Angst, dass man nichts zu essen bekommt oder was weiß ich. Dabei bietet sich Westpommern für Wochenendausflüge mit seinen vielfältigen Möglichkeiten besonders an. Sollten Vereine oder Clubs Interesse an diesen Tauchgebieten haben, kann ich gerne einen Vortrag über die vergessenen Seen in Westpommern halten.

Benötige ich für die von Ihnen genannten Plätze eine bestimmte Ausbildungsstufe oder muss ich bei der Vorbereitung irgendwelche bürokratischen Dinge beachten?

 

Ausbildungsstufen werden nur auf Basen abgefragt, bei freiem Tauchen ist jeder auf seine eigene Künste oder die seiner mitreisenden Kumpels angewiesen. Außer auf Tauchbasen oder bei Tauchschulen werden keine Nachweise benötigt. Wer sich seinen Tauchplatz alleine aussucht, braucht sich nirgendwo anzumelden oder sich registrieren lassen. Polen ist visumfrei, also einfach los fahren und irgendwo ins Wasser fallen.

 

Sie kennen sich auch mit Tauchplätzen in Rumänien aus. In den dortigen Karpaten gibt es betauchbare Wasserhöhlen. Können Sie mir darüber etwas mehr erzählen?

 

In Rumänien und auch den anderen Ländern des Balkan befinden sich für Europa einmalige Natur-und Kulturlandschaften, die bisher nicht durch den Massentourismus verschandelt wurden. Auch die wechselvolle historische Entwicklung ist bereits ein Grund, dorthin zu fahren. Ich habe zweieinhalb Jahre beruflich in der Landwirtschaft in Rumänien gearbeitet und dabei die interessantesten Landschaften bereist. Einige Eis- und auch Wasserhöhlen habe ich besucht. Die meisten Wasserhöhlen liegen in den Karstlandschaften des Apesuni- und Bihorgebirges.

 

Je nach Jahreszeit sind Tauchstrecken zwischen 10 bis zu 700 Metern zu überwinden. Wer dort in den Höhlen tauchen will, sollte sich mit den örtlichen Höhlenforschern verständigen, um überhaupt dorthin zu finden und Unterstützung zu bekommen. Eine entsprechende Ausbildung sollte man nachweisen. Ausrüstung muss komplett selber mit gebracht werden, auch Kletterhilfen und Seile sowie ein geländegängiges Fahrzeug sollte man besitzen.

Ich selber bevorzuge thermale Gewässer sowie Bergseen und Flüsse zum Scuben oder für Hydrospeed. Der für mich interessanteste See ist der Lacul Sf. Ana, der einzige echte betauchbare Vulkansee in Mitteleuropa. Einige Stauseen mit gefluteten Dörfern sind auch interessant.

Wir denken darüber nach, für 2015 oder 2016 eine Reise mit Expeditionscharakter in die Karpaten zu planen. Vielleicht gibt es abenteuerlustige Taucher oder Naturfreunde, die sich anschließen wollen.

 

Eine eher allgemeine Frage noch zum Schluss. Sie haben ja schon viel gesehen unter Wasser. Was war der interessanteste Tauchgang für Sie?

 

Mein interessantes Erlebnis war ein Tauchgang in Kalifornien im Winter. Dabei konnte ich Pazifischen Seeottern im Kelb beim Fressen zusehen.

 

Vielen Dank für das Interview!


Mehr Informationen und Kontakt

 

Bodo Schink kommt aus Neuruppin, ist 64 Jahre alt und hat das Tauchen in einer Spezialeinheit bei der Armee gelernt. Er schätzt die Anzahl seiner Tauchgänge auf rund 1500. Er arbeitet seit drei Jahren in Kooperation mit dem Naturschutz an Seenbeschreibungen für Taucher in Nordbrandenburg und hat rund 160 Seen betaucht und erfasst. Er ist Teil einer Interessengemeinschaft, die sich in unterschiedlicher Zusammensetzung trifft, darunter ein Tauchlehrer und ein Berufstaucher. Für Ausfahrten oder Expeditionen steht eine komplette Expeditionsausrüstung zur Verfügung – „mit allem, was man braucht, um ohne technologische Unterstützung in jeder Landschaft etwas erleben zu können“.

 

Die Tauchgebiete in Westpommern haben keine detaillierte Infrastruktur. Es gibt laut Bodo Schink keine Tauchschulen und das Gebiet ist dünn besiedelt. Die Interessengemeinschaft operiert daher, ohne Basen oder Tauchschulen anzufahren.

 

Kontakt: Bodo Schink ist per E-Mail erreichbar unter pommerndiver@aol.de.


Wir bedanken uns bei Bodo und Rene Schink für die Fotos!


Habt ihr auch etwas zu erzählen?

 

Bei dekopause sind schon eine ganze Reihe von Interviews mit Menschen aus dem Tauchsport erschienen. Habt ihr auch etwas Spannendes zu erzählen oder kennt jemanden, den wir unbedingt vorstellen sollten? Dann schreibt uns, bei FacebookTwitter oder per E-Mail an dekopause@ew80.de!


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