Interview: The Jetlagged über ihr Biorock-Projekt auf Gili Trawangan in Indonesien

Autorin: Sonja Kaute


Claudia und Hendrik vom Video-Team The Jetlagged sammeln bei Indiegogo Geld, um vor der Insel Gili Trawangan ein künstliches Mini-Riff, einen sogenannten Biorock, zu installieren. Warum sie das tun, was Biorocks genau sind und wie man diese Aktion unterstützen kann, verraten sie im Interview.

Sonja Kaute: Euer Biorock soll auf Gili Trawangan in Indonesien errichtet werden. Warum habt ihr Euch entschieden, genau dieses Fleckchen Erde zu unterstützen?

 

The Jetlagged: Wir haben Gili Trawangan, die größte der 3 Gili Islands (es gibt auch noch Air und Meno) nordwestlich von Lombok, vor einigen Jahren als Abschluss-Ziel einer Bali-Rundreise besucht. Man kann in einer zweistündigen Fahrt mit dem Speedboat von Bali aus dorthin übersetzen. Und irgendwie hat es uns die kleine Insel sofort angetan. Hier findet man perfekte Entspannung und Entschleunigung, aber auch ein reges Nachtleben in coolen Bars und Restaurants direkt am langen weißen Sandstrand. Es gibt dort keine lärmenden Autos, nur Pferdekarren und Fahrräder, jede Menge junge Leute und einen entspannten Backpacker-Lifestyle.

 

Wir haben zwei Jahre später auf dem Weg nach Komodo nochmal vorbeigeschaut und bestehende Freundschaften zur dortigen Tauchszene vertieft. Außerdem haben wir dort mittlerweile zwei Filme gedreht, die hoffentlich den besonderen Spirit dieser Insel wiedergeben können! Der zweite Film, ein Tauch-Musikvideo mit eigens aufgenommenem Song, hat Premiere im September!

 

Dass wir dort schon die richtigen Ansprechpartner und die lokale Infrastruktur kennen, macht es für uns einfacher, das „Projekt künstliches Riff “ überhaupt zu realisieren. Außerdem konnten wir uns bei den zahlreichen Tauchgängen rund um die Gilis selbst ein Bild vom Zustand der Riffe und der Vielfalt der Meereswelt machen und uns vom unglaublichen Erfolg der Biorocks überzeugen.

Leider sind viele Riffe rund um die Gilis wie in vielen Regionen Indonesiens zerstört worden, früher teilweise auch durch Dynamit- und Cyanid-Fischerei. Ein besonders heftiger El Niño hat 1998 das relativ flache Meer rund um die Gilis stark erwärmt und den geschwächten Riffen damit den Rest gegeben. Teilweise ist es regelrecht erschreckend, über diese unterseeischen Wüsten zu schwimmen.

 

Einheimische und Ausgewanderte, viele von ihnen Betreiber von Tauchbasen und Resorts auf den Gilis, und alle vom Tourismus abhängig, sind jedoch rechtzeitig aufgewacht und haben angefangen, die Gewässer rund um ihre Inseln zu schützen. Die Region wurde zu einem Meeresschutzgebiet erklärt. Das Meer dort bietet eigentlich alles, was das taucherische Herz begehrt: eine Indopazifik-typische Artenvielfalt, dazu Haie, Schildkröten bei jedem Tauchgang, Makro-Lebewesen aller Art, regelmäßig Büffelkopf-Papageifische und gelegentlich sogar Mantas und Walhaie. Nachdem die Gewässer unter Schutz gestellt waren, wurde nach Methoden gesucht, auch den Riffen bei der Regeneration zu helfen, und so kam die Biorock-Technologie (entwickelt von Prof. Wolf Hilbertz und Dr. Thomas J. Goreau) auf die Gilis.

 

Der „Gili Eco Trust“ (GET) spielt dabei eine wichtige Rolle – die gemeinnützige Organisation sammelt Geld durch Spenden und kleine Beträge, ähnlich einer Kurtaxe, die jeder Taucher bezahlen muss. Der GET baut nicht nur die Biorocks, sondern sorgt generell dafür, dass die Gilis möglichst ökologisch nachhaltigen Tourismus bieten. Die einheimische Bevölkerung wird dabei stark einbezogen, denn die meisten von ihnen arbeiten in der Tourismus- und Tauchbranche – und haben die Bedeutung von intakten Meereswelten verstanden.

 

Wie funktionieren Biorocks genau und warum sind sie gut für die Umwelt?

 

Biorocks sind Stahlgitter-Konstruktionen, die aus gängigen Baumaterialien an Land zusammengeschweißt und dann im Meer versenkt und fest verankert werden. Was die Form der Metallkonstruktion angeht, sind der Kreativität kaum Grenzen gesetzt, solange eine gewisse Stabilität unter Wasser gewährleistet ist.

 

Das Metallgitter wird dann unter schwachen Strom gesetzt – die Stromversorgung erfolgt entweder über ein Kabel von Land oder durch Solarkollektoren auf Schwimmbojen oberhalb des Biorocks.

 

Der angelegte Strom ist so schwach, dass er für alle Lebewesen ungefährlich ist, er setzt aber eine elektrolytische Reaktion zwischen dem Metall und dem umgebenden Meerwasser in Gang, die dazu führt, dass sich eine Kalziumkarbonat-Schicht um die Metallstreben bildet. Diese Schicht ist der perfekte Untergrund für Korallenbruchstücke, um dort festwachsen können.

Korallen, die auf Biorocks wachsen, zeigen beschleunigte Wachstumsraten, da der Strom ihnen bei der natürlichen Ablagerung von Mineralien hilft. Außerdem zeigen Studien, dass die Korallen an Biorocks farbintensiver sind, robuster gegenüber Umwelteinflüssen reagieren und sich aktiver bei der Nahrungsaufnahme und Vermehrung verhalten. Das Wachstum von Korallen an Biorocks kann unglaubliche zwei bis sechs Mal schneller sein als unter natürlichen Bedingungen!

 

Neben den positiven Aspekten des Korallenwachstums bieten die Biorocks sofort neuen Lebensraum für Fische, Krebstiere und andere Meereslebewesen. Die Formen der Biorocks sind meist so gewählt, dass Überhänge und höhlenartige Formen gebildet werden – geschützte Bereiche zwischen den Metallstreben, in denen Meerestiere zahlreiche Versteckmöglichkeiten finden. Fische umschwimmen die Biorocks daher schon nach kürzester Zeit.

Stärker bewachsene, ältere Biorocks erfüllen außerdem noch eine weitere wichtige Funktion: sie verhindern die beschleunigte Erosion der Strände, die ohne Riffe von den Wellen abgetragen werden könnten. An vielen Stellen auf den Gilis haben sich durch Biorocks Strände sogar verbreitert und bieten nun wichtigen Schutz des Landes bei Stürmen oder Fluten.

 

Wie viele Biorocks gibt es an dem von Euch gewählten Ort denn schon? Kann man da durch ein ganzes Areal von Biorocks tauchen?

 

Es gibt schon ein paar dutzend Biorocks um die drei Gili Islands. Direkt vor der Strandpromenade von Gili Trawangan, am Kanal zwischen Gili Trawangan und Meno, liegen einige Biorocks verschiedenen Alters, und diesen Tauchplatz sollte man sich nicht entgehen lassen. Hier sieht man direkt den unglaublichen Erfolg der Biorocks und kann unzählige Tierarten an den oft kunstvollen Metallkonstruktionen beobachten. Fledermausfische ziehen hier zwischen den Streben hindurch, Messer-, Tinten- und Kugelfische sowie verschiedene Krebstiere bewohnen die künstlichen Riffe – hier kann man so vieles beobachten, das einem garantiert nicht langweilig wird. Da die Biorocks meist nicht tiefer als zehn Meter liegen und die Sicht sehr klar ist, können auch Schnorchler die Vielfalt unter Wasser bewundern.

 

Ist das Projekt pure Wohltätigkeit oder verbindet ihr damit auch einen Eigennutzen? Ihr habt ja zum Beispiel bewusst Euer Logo als Biorock-Form gewählt.

 

Wir sind fasziniert von der Biorock-Technologie, von der tollen Funktionsweise und wie schnell sich dort neues Leben ansiedelt. Das ist übrigens eine Technik, die überall auf der Welt, auch in den entlegensten Gegenden, umsetzbar ist. Irgendwann hatten wir dann einfach die Idee: „Lass uns doch unseren Papierflieger als künstliches Riff bauen!“ Die Form ist denkbar einfach aus Metallstangen zusammenzuschweißen und unter den Tragflächen des Fliegers bieten sich perfekte Versteckmöglichkeiten für Fische. „Und lass uns einen Film darüber machen.“ So können wir helfen, diese erfolgreiche Technologie bekannter zu machen!

 

Der Papierflieger ist ein ganz allgemeines Gebilde, das jeder sofort erkennt und das einfach gute Laune macht. Aber klar mögen wir auch den Gedanken, dass das dann für Leute, die unsere Filme und unser Logo kennen oder die uns bei der Kampagne unterstützt haben, der Jetlagged-Biorock ist.

Für uns persönlich ist es aber auch ein sehr emotionales Projekt, so in etwa wie einen Baum pflanzen, etwas Größeres erschaffen, was einen selbst überdauern kann…

 

Und was passiert, wenn ihr das Ziel von 3.300 US-Dollar bis zum Ende des Crowdfundings nicht erreicht?

 

Mit 3.300 USD können wir ein vom Land autarkes Biorock-Riff bauen, mit einem Sonnenkollektor auf einer Schwimmplattform darüber. Bei der Wahl des Standortes wären wir dann völlig frei, aber die Solarzellen und die Schwimmplattform sind sehr teuer.

 

Sollten wir diese Summe nicht erreichen, werden wir die neue Metallkonstruktion an eine bestehende Stromversorgung anschließen. Das Riff wird also in jedem Fall gebaut und geeignete Stellen gibt es noch genug!

 

Kann theoretisch jeder Initiator eines solchen Projektes werden und es realisieren oder ist das jetzt ein Sonderfall?

 

Das kann eigentlich jeder machen, der Motivation, Kreativität und die Kostendeckung mitbringt. Man muss aber schon auch selbst Hand anlegen und beim Schweißen der Metallkonstruktion helfen! Der Gili Eco Trust freut sich über jede Unterstützung des BioRock-Projekts oder eine seiner anderen wichtigen Aktivitäten.

 

Es gibt aber auch weitere Biorock-Korallenaufbau-Projekte auf der Welt, zum Beispiel auf Bali. Meist können die künstlichen Riffe aber nur durch Spenden realisiert werden, deshalb ist jedes Engagement wichtig und kann helfen, unseren bedrohten Korallenriffen Hilfe zu leisten.

 

Damit sich auf der Biorock-Formation Korallen ansiedeln, werden zunächst Korallen von anderen Standorten „transplantiert“. Was passiert dabei genau?

 

Natürlich werden keinerlei Korallen extra abgebrochen oder Schwämme usw. abgerissen, um genug „Rohmaterial“ für den neuen Biorock zu gewinnen. Wir werden zu unseren Tauchgängen auf den Gilis Sammelbehälter und Netztaschen mitnehmen, um Korallenbruchstücke, die wir finden, mitzunehmen. Die Gezeiten, Taucher, die die Tarierung noch nicht in Perfektion beherrschen, aber auch Meeresbewohner (zum Beispiel Schildkröten) richten bisweilen Schäden an Korallen an, und hier können wir uns dann bedienen. Dabei werden wir unterstützt von der Tauchbasis Manta Dive Gili Trawangan und bekommen so von vielen fleißigen Tauchern und Tauchschülern Hilfe beim Sammeln von abgebrochenen Korallenstücken.

 

In Eurer Projektbeschreibung steht, dass ihr die Installation und Entwicklung des künstlichen Riffs dokumentieren werdet. Wo können wir die Filme denn sehen?

 

Den fertigen Film (und einen Bericht mit Fotos) wird es auf unserer Webseite zu sehen geben, außerdem auf unseren Kanälen auf YouTube und Vimeo, sowie natürlich auf unserer Facebook-Seite.

 

Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg bei diesem Projekt!

 


 Aktualisierung, Juli 2015:

 

 

Der Biorock von The Jetlagged wurde erfolgreich installiert, die Korallen gedeihen kräftig und bieten zahlreichen Fischen jetzt schon ein zu Hause. Wir freuen uns, dass es geklappt hat!


Alle Fotos: The Jetlagged


Mehr über The Jetlagged und das Biorock-Projekt

Wer das Biorock-Projekt von The Jetlagged unterstützen möchte, kann dies bei Indiegogo tun oder natürlich Werbung für die Aktion machen, indem er sie teilt und empfiehlt.

 

Claudia und Hendrik von The Jetlagged haben uns im Dezember 2013 ein ausführliches Interview über ihre Projekte mit Einblicken in ihre Reiseabenteuer gegeben.


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