Sidemount-Tauchen: Roby, Chris und Martin vom Sidemount-Forum.com geben praktische Tipps

Autorin: Sonja Kaute


Habt ihr schon Sidemount-Tauchen ausprobiert? Oder seid interessiert, wisst aber nicht so recht, was es damit auf sich hat? Roby, Chris und Martin vom Sidemount-Forum.com erzählen, welche Vorteile das Sidemount-Tauchen hat, warum es den Rücken schont und geben Einblick in die verschiedenen Systeme.

Sonja Kaute: Auf Sidemount-Tauchen.com schreibt ihr, Sidemount-Tauchen sei durchaus auch für unerfahrene Taucher geeignet. Und es sei möglicherweise „die bessere Alternative zum klassischen Tauchen mit der Flasche auf dem Rücken“. Warum ist das so? 

 

Roby: Das Sidemount-Tauchen kommt zwar ursprünglich aus der Minen- und Höhlentaucherei in den 70er Jahren und wird daher gerne mit dem technischen Tauchen in Verbindung gebracht. Allerdings sprechen einige Aspekte des Sidemount-Tauchens sicher auch für den Sporttauchbereich. Hier sei beispielhaft genannt:

  • Ein viel stromlinienförmigeres Profil bedeutet gleichzeitig weniger Wasserwiderstand, dies wiederum bedeutet weniger Luftverbrauch.
  • Sidemount-Tauchen eröffnet ein hohes Maß an Komfort. Jede Sidemount-Konfiguration kann individuell auf den Taucher angepasst werden. So ist der Wohlfühlfaktor immer voll gegeben.
  • Es schont den Rücken, da die Flaschen einzeln getragen beziehungsweise transportiert und erst im Wasser angelegt werden können. Gleichzeitig erleichtert es den Ein- und Ausstieg.
  • Der größte Vorteil liegt im Luft-Management: Alles ist sichtbar vor einem, man hat Zugang zu den Ventilen sowie den ersten Stufen. Alles ist schön übersichtlich und jederzeit zu bedienen. So kann auf alle Situationen schnell und effektiv reagiert werden.
  • Sidemount ist ein System für alle Situationen: In der Regel sind mit dem gleichen Sidemount-Equipment auch anspruchsvollere Tauchgänge machbar, ob nun Wrack, Höhle oder technisches Tauchen, vorausgesetzt, die Ausbildung stimmt.
Ist Sidemount-Tauchen also sicherer?

Chris: Sidemount-Tauchen ist nicht mehr oder weniger „sicher“ wie Backmount-Tauchen mit der Flasche auf dem Rücken. Entscheidend sind auch hier die Ausbildung beziehungsweise das Verstehen des getauchten Sidemount-Systems sowie der sichere und geübte Umgang damit. Ein Plus ist aber sicherlich, wie schon erwähnt, das Ventil-Management – der Zugriff ist auch dem ungelenken und weniger geübten Taucher leicht möglich, da die Ventile vor dem Taucher liegen.

Gibt es auch Nachteile im Vergleich zu klassischem Backmount-Tauchen?

 

Martin: Vor- und Nachteile gibt es sicher – meist erst in den Grenzbereichen des Tauchens. Hier sei beispielhaft die Bereithaltung eines hohen Gasvorrates bei extrem tiefen Tauchgängen genannt.

 

Im Sporttauchbereich sehen wir eigentlich keine signifikanten Nachteile – außer der Tatsache, dass das Sidemount-Tauchen noch nicht so populär ist und noch einige unterschiedliche Systemideen und Prozeduren existieren. Aufgrund der noch wachsenden Idee besteht bei vielen Interessierten dann ein unübersichtliches Chaos. Aus diesem Grund haben wir das Sidemount-Forum gegründet – um eine Plattform des Wissens und des Austausches bereitzustellen.

Zwei Flaschen. Klingt auf den ersten Blick nach Schlepperei und Rückenstrapaze. Dabei soll Sidemount ja rückenschonend sein. Wie passt das zusammen?

 

Roby: Genau in dieser Fragestellung spiegelt sich das Hauptproblem: Sidemount-Tauchen bedarf gar nicht grundsätzlich mehrerer Flaschen. Es kommt eben immer darauf an! Unterscheiden müssen wir mehrere Tauchgangsziele:

  • Kaltwasser und tief? Zwei getrennte erste Stufen sind nötig, dann haben wir sinnigerweise mindestens zwei Flaschen dabei. Je nach Dauer und Tiefe entsprechend mehr Gase, dann sprechen wir aber schon nicht mehr vom Sporttauchbereich.
  • Warmwasser–Tauchen (z.B. Ägypten, maximale Tiefe 20 Meter)? Wie bislang auch – man nehme nur eine Flasche, allerdings sollte der Regler zwei zweite Stufen besitzen – ganz genau wie man es von der Standard-Ausrüstung beim Backmount-Tauchen auch kennt.
  • Spaßtauchen im Sommer in deutschen Seen oder im Indoorbereich? Siehe Vorgehen wie im Warmwasser.

 

In jedem Fall gibt es aber den Vorteil: Die Flaschen können am See einzeln (je nach Bedarf) ans Wasser gebracht werden. Von Booten kann die Flasche ins Wasser gereicht werden oder beim Ausstieg vorab abgegeben werden. Der Ausstieg an der Leiter bei Wellen gestaltet sich so wesentlich entspannter und einfacher.

 

Ihr habt ja schon angedeutet, dass es für Interessierte schwierig sein kann, den Überblick zu bekommen. Wenn ich auf Sidemount-Forum.com schaue, habe ich den Eindruck, es gibt so viele Sidemount-Systeme, dass man gar nicht von dem Sidemount-Tauchen sprechen kann. Worin unterscheiden sich die Systeme denn?

 

Chris: In der Tat gibt es etliche Sidemount-Systeme am Markt. Und es werden jährlich mehr beziehungsweise werden bestehende Systeme verbessert. Wir unterscheiden eigentlich drei wesentliche Systeme: minimalistische Systeme, Komfortsysteme und Sandwich-Systeme. Aber das ist im Grunde nichts anderes als im bisherigen Sporttauchbereich auch. Ob ADV, Wing oder Hybrid – der Kunde entscheidet nach Geschmack und persönlicher Anforderung an die Ausrüstung. Lediglich die Überlegung der Atemreglerkonfiguration orientiert sich dann am zu tauchenden System.

 

Tauchen ist ja nicht unbedingt günstig, insbesondere im Bereich Ausrüstung. Brauche ich fürs Sidemount-Tauchen eine komplett neue Ausrüstung?

 

Martin: Das ist eine der häufigsten Argumente gegen das Sidemount-Tauchen – und auch genauso falsch. Die meisten Taucher besitzen bereits wesentliche Bauteile eines funktionierenden Sidemount-Systems. Beim technischen Taucher sind in der Regel Backplates, Harness, Alu-Stages und dazu passende Atemregler vorhanden. Diese dem Sidemount-Tauchen anzupassen, ist meist mit geringem Aufwand zu erreichen.

 

Der klassische und verantwortungsvolle Taucher hat in der Regel eine eigene Ausrüstung. Diese sollte gerade in Bezug auf das Sidemount-Tauchen in einem fundierten Erstgespräch mit einem erfahrenen Sidemount-Taucher oder Tauchlehrer besprochen werden. Die persönlichen Ziele, Anforderungen und künftige Ausrichtung sind zu berücksichtigen. Erst dann kann ein abschließendes und zielorientiertes Gespräch mit dem Einsteiger erfolgen.

 

Folgende Themen werden sicher stets im Raum stehen: Stahl- oder Alu-Flaschen? Welche Atemregler oder Reglerkonfiguration ist das Beste / das Günstigste? Welches Sidemount-System ist das Beste? Auf alle vorgenannten Fragen gibt es keine pauschal richtige Antwort. Diese muss im Gespräch mit dem Einsteiger tiefgehend erörtert werden.

 

Daher: Professionelle Beratung ist das A und O, egal ob für Sidemount oder für Backmount. Dann wird der Umstieg beziehungsweise die Erweiterung der Ausrüstung nicht teuer.

 

Gibt es Besonderes zu beachten, wenn ich mit einem Trocki Sidemount-Tauchen möchte?

 

Roby: Selbstverständlich gibt es grundlegende Überlegungen zu beachten. Erste Frage, die ich mir stellen würde, wäre die möglichst einfache und schnelle Anpassung meines Systems zwischen Nasstauchen und Trockentauchen. Des Weiteren: Welche Möglichkeit und in welchem Umfang kann ich Gewichte zum System hinzufügen – und vor allem wie einfach? Gerade in diesem Punkt gibt es bei den aktuell verfügbaren Sidemount-Systemen große Unterschiede.

 

Außerdem sollte eine Grundsatzentscheidung getroffen werden: Brauche ich viel Blei im Trocki, nehme ich dann besser Stahl-Flaschen? Oder muss zusätzliches Blei für Alu-Flaschen berücksichtigt werden? Eine kleine Hilfestellung wollen wir an dieser Stelle geben: Solltest Du mehr als 8 Kilogramm Blei mit Nassanzug oder Trocki benötigen, macht es Sinn sich über die Nutzung von Stahlflaschen Gedanken zu machen. An Land haben diese meist bei gleicher Größe ein ähnliches Gewicht. Unter Wasser dann aber nicht mehr. Und meist sind diese bereits im Besitz des erfahrenen Tauchers.

 

Welche Vorteile hat das Sidemounten für Tauchlehrer und Dive Guides?

 

Martin: Die Gleichen wie für alle Taucher auch: Ventil-Management, geringerer Luftverbrauch und mehr Reserven für Gäste und Schüler. Und natürlich die Vorbildfunktion hinsichtlich Wasserlage und Umweltschutz.


Und wie kann ich das Sidemounten am besten lernen? Macht das sogar schon als Tauchanfänger Sinn?

 

Chris: Einige Verbände bieten das Sidemount-Tauchen bereits ab dem OWD an. Je nach Verband gibt es da unterschiedliche Ansichten. Es macht in unseren Augen auf jeden Fall Sinn, sich bereits in der Ausbildung mit dem Thema auseinanderzusetzen. Neben den vorgenannten Vorteilen des Sidemount-Tauchens soll es den Schülern die Möglichkeit geben, vor Kauf der ersten Ausrüstung verschiedene Ideen des Tauchens kennenzulernen. Klug gehandelt spart der künftige Taucher wertvolles Geld, welches er dann besser in qualitativ hochwertigere Ausrüstung investieren kann.

 

Mal eine praktische Frage: Was sind die wichtigsten Skills im Sidemount-Tauchen?

 

Roby: Die wichtigsten Skills beziehen sich immer und stets auf das zu tauchende System. In der Regel das An- und Ablegen der Konfiguration als auch eine OOG (Out-of-Gas)-Situation. Systemabhängig ist auch das Entlüften beziehungsweise Belüften des Tariersystems zu üben und zu beachten. Alle anderen Skills sind nahezu identisch. Einzig das Thema „Bleiabwurf“ ist gerade bei Tauchanfängern und Tauchschulen heiß diskutiert. Hier wollen wir aber anmerken, dass dies, wenn richtig gelehrt und vom Schüler verstanden, keine wesentliche Rolle mehr spielt.

 

Was haltet ihr denn zum Beispiel von diesem Skill-Video? Sieht auf den ersten Blick richtig gut aus, finde ich als Sidemount-Laie…

Roby: Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten! Gerne begründen wir das. Wir finden das Video sehr ansprechend und gut gemacht. Die Übungen sind übersichtlich und klar durchgeführt. Die Wasserlage vorbildhaft. Allerdings, und jetzt kommt das ABER: Nicht alle Übungen in diesem Video sind auf alle Sidemount-Systeme zu übertragen. Das bedeutet, dass es System- und Ausrüstungsabhängig leicht abgewandelte Prozeduren gibt. Dies bedarf einer entsprechend sorgsamen und abgestimmten Ausbildung.

 

Es gibt im Internet viele weitere gute Filme und Demonstrationen. Aber alle sollten eines gemein haben: Dem interessierten Taucher Spaß und die Einfachheit des Tauchens zu vermitteln. Dies tut das gezeigte Video auf jeden Fall.

 

Wenn ich als durchschnittlicher Urlaubstaucher Sidemount-Tauchen möchte, finde ich dann einfach so eine Basis, die das anbietet und entsprechende Ausrüstung verleiht?

 

Martin: Schön wäre das – ist aber aktuell noch nicht der Fall. Um die passende Logistik für den Taucher zu finden, haben wir auf unserer Homepage eine Sammlung diverser Tauchschulen und -basen erstellt und die wird auch laufend ergänzt. Leider können wir nicht in allen Ecken der Welt selber tauchen – und sind somit vom Input der Forenmitglieder und der Tauchgemeinschaft abhängig. Meist ist es ein Einfaches, sich per E-Mail an die örtliche Tauchbasis der gewählten Urlaubsdestination zu wenden. Antwort ist meist kurzfristig zu erwarten.

 

Eine stärkere Ausweitung des Sidemount-Tauchens und die damit verbundene Logistikverbesserung würden sich recht schnell und einfach gestalten. Als Beispiel sei die Einführung des Nitrox-Tauchens genannt. Ein ähnliches Vorgehen würde aus einem Trend einen entsprechenden Hype auslösen. Hier sind sowohl die Verbände als auch die Hersteller gefragt.

 

Ich danke Euch für die hilfreichen und informativen Antworten! Gibt es eine wichtige Frage, die ich noch nicht gestellt habe?

 

Alle: Ja, diese: Macht Sidemount-Tauchen Spaß? Die Antwort ist ein klares JA. Und diese Frage: Ist Sidemount-Tauchen schwer zu erlernen? Die Antwort: ein klares NEIN.

 

Herzlichen Dank!


Weitere Informationen

 

Viele weitere Tipps, Erfahrungen, Termine und Ansprechpartner zum Sidemount-Tauchen findet ihr unter Sidemount-Tauchen.com, im dazugehörigen Blog und im Sidemount-Forum.com. Dort kann man sich mit anderen Sidemount-Tauchern austauschen und ist auch als Einsteiger willkommen.


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