Rechenprobleme und Lachanfälle - Druckkammerfahrt in Überlingen am Bodensee

Autor: Tom Bühlmann


Im Winter sind viele Taucher auf der Suche nach Aktivitäten, bei denen sie sich auch ohne zu frieren mit dem Tauchen beschäftigen können. Druckkammerfahrten sind dafür eine gute Möglichkeit. Tom Bühlmann berichtet von seiner Druckkammerfahrt in Überlingen am Bodensee.

Am 2. November war es soweit: Wir machten uns mit einigen Mitgliedern des Tauchclub Napoleon auf den Weg zur Helios Klinik in Überlingen. Einige von uns waren vorher schon ein paar Mal dort gewesen und kannten den Weg zur Druckkammer im unteren Stockwerk. Dort begrüßte uns ein ehrenamtlicher Mitarbeiter, der unsere Druckkammerfahrt von außerhalb der Kammer begleiten würde. Nachdem wir uns alle kurz vorgestellt hatten, gab es eine theoretische Einführung zu Themen wie Tiefenrausch, Sauerstoffvergiftung, Dekompression, Deko-Unfällen, was in unseren Körpern während der Dekostopps passiert und mit welchen Partialdrücken heute konservativ getaucht wird. Abschließend gab es noch einige Sicherheitshinweise, die wir unbedingt beachten sollten – nicht nur zu unserer eigenen Sicherheit, sondern auch zu der unserer Tauchcomputer und Gerätschaften.

Dann wurde es praktischer: Wir setzten uns in der Kammer auf unsere Sitze und klärten Fragen zur Funktion der Atemmasken für die Dekompression beim „Auftauchen“, zum richtigen Verhalten beim „Abtauchen“, was bei Problemen beim Druckausgleich zu tun sei und wie die neu installierte Feuerlösch-Sprinkleranlage funktioniert. Dann wurde es ernst: Die Türen schlossen sich und schon ging es los. Und es fühlte sich gleich von Anfang an anders an als das Abtauchen unter Wasser: Ich musste schon auf den ersten 10 Metern rund 20 Mal einen Druckausgleich machen, da der Druck unter Wasser nicht dem künstlich erzeugten Druck in einer Druckkammer entspricht.

 

Micky-Maus-Stimmen, Probleme beim Rechnen und Lachanfälle

Das Abtauchen auf (gemäß Tauchcomputer) circa 52 Meter dauerte mit den viel mehr als im Wasser nötigen Druckausgleichen eine gefühlte halbe Ewigkeit. Unsere Stimmen tönten auf einmal, als hätten wir Helium aus Ballons eingeatmet. Es hörte sich an, als wären lauter Micky Mäuse in der Druckkammer! Die Stimmung wurde dadurch höchst amüsant und wir lachten viel.

Vor der Fahrt hatte man uns Rechen- und Denkaufgaben mit in die Kammer gegeben. Also fingen wir an, diese zu lösen. Mir fiel auf, dass einfachste Rechenaufgaben auf 52 Metern Tiefe gar nicht mehr so einfach zu lösen sind. Richtig konzentrieren mussten wir uns, um Aufgaben zu lösen, die an der Oberfläche ohne Zögern gelöst gewesen wären. Kurz darauf wurde uns über Lautsprecher gesagt, wir sollen von Innen die Medikamentenklappe öffnen. Darin wartete eine süße Überraschung in Form von kleinen „Schöggelis“ – lecker und ein weiterer Grund zur Freude unter den Micky Mäusen.

Dekompression mit 100 % Sauerstoff

 

Nach 12 Minuten Grundzeit wurde uns über Lautsprecher mitgeteilt, dass die Auftauchphase beginnen würde. Bei rund 20 Metern setzten wir die Sauerstoffmasken auf, um zu dekomprimieren. Vor der Tauchfahrt wurde uns erklärt, dass bei einer Druckkammerfahrt bereits auf cira 20 Metern mit 100% Sauerstoff mit der Dekompression begonnen wird, was im Wasser lebensgefährlich sein kann. In der Druckkammer kann es aber höchstens vereinzelt zu kurzen Ohnmachtsfällen von wenigen Sekunden kommen. Gefährlich ist das jedoch nicht, da man ja nicht unter Wasser ist.

Jetzt wurden große Unterschiede zwischen den Tauchcomputern deutlich: Einige zeigten eine wesentlich größere Dekozeit an als andere. Wir warteten also wieder eine gefühlte halbe Ewigkeit, bis auch der letzte Tauchcomputer keine Deko mehr anzeigte. Endlich konnten wir die beim Auftauchen heruntergekühlte Kammer wieder verlassen. Ich war froh, eine lange Hose angehabt zu haben, denn mit kurzen Hosen hätte ich wohl ziemlich gefroren. Wieder draußen besprachen wir unsere Eindrücke der letzten 70 Minuten und verglichen die Rechen- & Denkaufgaben. Selbst bei den einfachsten Aufgaben hatte sich der ein oder andere Fehler eingeschlichen.

Ehrenamtlicher Bereitschaftsdienst

 

Der Mitarbeiter erläuterte uns nun noch den Ablauf einer Druckkammerbehandlung bei Patienten, die mit einem Dekompressionsunfall in der Helios Klinik eingeliefert werden. Die Behandlungsmöglichkeit wird ehrenamtlich abgedeckt, von Mitarbeitern des Badischen Tauchsportverbandes, die sich den Bereitschaftsdienst untereinander aufteilen.

 

Als wir die Helios Klinik verließen, machte sich Hunger bemerkbar. Diesen Ausflug schlossen wir mit einem guten Mittagessen ab. Alles in allem war es ein gelungener Tag: Für mich war es toll, diese Erfahrung gemacht zu haben und zu merken, dass sich der Druck unter Wasser anders anfühlt als der Druck, der künstlich mit Luft in einer Druckkammer erzeugt wird.


Alle Fotos: Tom Bühlmann


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Die Druckkammer in Überlingen befindet sich seit 2012 im Helios Spital am Bodensee. Sie wird in erster Linie zur Behandlung von Dekompressionskrankheiten bei Tauchunfällen in Bereitschaft gehalten (keine gesicherte 24-Stunden-Bereitschaft) und dient außerdem der Weiterbildung. Sie wird  auf ehrenamtlicher Basis vom Badischen Tauchsportverband e.V. (BTSV) betrieben. Ihre Finanzierung erfolgt ausschließlich aus Eigenmitteln des BTSV und Einnahmen aus den Druckkammerfahrten. Termine für Druckkammerseminare stehen auf der Website des BTSV.

 

Eine Übersicht aller Druckkammern in Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es bei der Gesellschaft für Tauch- und Überdruckmedizin.


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