Gruppendruck im Tauchsport - Ursachen und Beispiele aus der Praxis


©iStockphoto.com/gunnar3000
©iStockphoto.com/gunnar3000

Gruppendruck ist ein schwieriges, aber auch spannendes und zu wenig beachtetes Thema im Tauchsport. Vermutlich haben die meisten Taucher damit schon einmal direkt oder indirekt Erfahrungen gemacht. Doch wodurch entsteht Gruppendruck unter Tauchern und was sind die Folgen? Eine Analyse.

Gruppendruck im Tauchsport kann ganz unterschiedliche Ursachen haben. Meist ist der Druck gar nicht beabsichtigt und schon gar nicht böswillig verursacht.

 

Folgende Aspekte können eine Ursache für Gruppendruck sein:

 

Die Hierarchie in der Tauchgruppe

 

Im Normalfall ist der Tauchlehrer oder Guide der erfahrenste Taucher innerhalb einer Gruppe und kennt die örtlichen Gegebenheiten am Besten. Er hat also eine gewisse Autorität inne. Somit kann er mit seinen geäußerten Meinungen, Erfahrungen und Wünschen (unbewusst) Gruppendruck auslösen. Das gilt vor allem, wenn es sich um eine von der Erfahrung her gemischte Tauchgruppe handelt. In einer solchen Gruppe wollen sehr verschiedene Bedürfnisse gedeckt werden – eine nicht zu unterschätzende Herausforderung.

 

Unsicherheit und mangelndes Vertrauen

 

Gerade Anfänger dürften aufgrund mangelnder Taucherfahrung in vielen Dingen recht unsicher sein. Hier spielen auch das Selbstbewusstsein des Einzelnen und das Vertrauen in den Guide eine Rolle. Wer unsicher ist, wird sich eher nach der Gruppe richten, weil er in ihr die vermisste Orientierung findet.

 

Mangelnde Rücksicht

 

Vor allem in nicht-homogenen Tauchgruppen besteht Gefahr, dass erfahrene Taucher zu wenig Rücksicht auf Anfänger nehmen. wenn diese unterschiedlich erfahrenen Taucher wiederholt zusammen tauchen müssen, wie es zum Beispiel auf Safaribooten der Fall sein kann, kann sich dieses Risiko noch steigern. Früher oder später wird der ein oder andere höher brevetierte Taucher – der ja auch für seinen Urlaub bezahlt hat und das Maximale herausholen will – nicht mehr allzu begeistert darüber sein, ständig Rücksicht nehmen zu müssen, wenn es zum Beispiel um den Luftverbrauch, angefahrene Tauchgebiete und Tiefen geht.

 

Angst vor Antipathie

 

Niemand möchte gerne bei anderen Gruppenmitgliedern Antipathie auslösen, weil er sich nicht gruppenkonform verhält. Scham, Angst und Unsicherheit können so dazu führen, dass sich Taucher eher angepasst verhalten, auch wenn sie sich nicht danach fühlen. Auch hier gilt das verständlicherweise vor allem, aber nicht auschließlich für Tauchanfänger und Neulinge in einer Tauchgruppe oder an einer Tauchbasis.

 

Falsche Rücksichtnahme

 

Kein Taucher möchte die Ursache dafür sein, dass seine Buddys einen Tauchgang frühzeitig beenden müssen, sei es weil ihm unwohl ist oder er mehr Luft verbraucht als die anderen. Das kann zu falscher Rücksichtnahme führen, so dass Unwohlsein nicht angezeigt wird, krampfhaft versucht wird, Luft zu sparen oder Taucher sich durch einen Tauchgang quälen, der zumindest in diesem Moment überhaupt nicht für sie geeignet ist – mit all den Nachteilen und möglichen Risiken.

 

Ein paar Beispiele aus der Praxis:

  • Man kennt das und macht es manchmal auch selbst: an einer Tauchbasis ordentlich Seegarn spinnen und seine Tiefenrekorde aufzählen. Dazu noch die eine oder andere Anekdote, wie cool man die heftigste Strömung durchgestanden hat oder dass man beim nächsten Tauchgang dem Buddy die Flasche zudreht, damit dieser endlich mal nicht so viel atmet. Das gehört zum Tauchsport dazu und Taucher lieben diese Geschichten. Aber sie können und werden ab und zu Druck ausüben, auch wenn das nicht beabsichtigt ist. Am größten ist der Druck an Tauchbasen, wo es zur Philosophie gehört, dass Anfänger innerhalb der ersten zehn Tauchgänge auf 40 Meter versenkt werden. Nach dem Motto „Wer das nicht packt, sollte nicht tauchen“.
  • Schon öfter gesehen: Pärchen, die grundsätzlich händchenhaltend tauchen, weil einer von beiden sonst ganz offenbar überfordert ist. Trotzdem muss es einen Grund geben, warum diese Person Tauchgänge macht, die nicht zu ihr passen. Oder Freunde, die von der Fitness oder Erfahrung her nicht gleich auf sind und wo allein diese Konstellation schon Druck auf den „schwächeren“ ausüben kann. Oder Pärchen, bei denen einer der Partner nur dem anderen zuliebe überhaupt mit dem Tauchen angefangen ist. Alles Konstellationen, die ein Risiko bergen können.
  • Ein Taucher, der der Gruppe nicht den Spaß verderben möchte oder unsicher ist, wird sich nachvollziehbarer Weise genau überlegen, ob er sein Unwohlsein anzeigt. Möglicherweise gibt er daher seinem Guide ein „OK“-Zeichen, obwohl es nicht der Wahrheit entspricht. Diese Zeichen sind aber eine der wenigen Quellen, aus denen ein Guide überhaupt Informationen über das Befinden seiner Buddys beziehen kann. Er wird sich darauf verlassen, außer die sonstige Körpersprache sagt mehr als deutlich etwas anderes als „OK“. So ein falsches Signal kann das Unwohlsein des betreffenden Tauchers noch verstärken, weil wahrscheinlich nicht auf seine eigentlichen Bedürfnisse eingegangen wird.
Erstellt mit Wordle.net / http://www.wordle.net
Erstellt mit Wordle.net / http://www.wordle.net

Bei Taucher.net gibt es einen lesenswerten Thread zum Thema Gruppendruck mit unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen. Ein paar Zitate daraus:

  • „Gruppenzwang ist eine der größten Gefahren beim Tauchen. (…) Einen guten Taucher erkenne ich auch daran, wie gut er auf seinen Buddy und die Gruppe Rücksicht nimmt.“(ag2908)
  • „Ein guter Taucher muss NEIN sagen können! Ob er nun Anfänger oder Könner ist, im richtigen Moment erkennen, dass ein kräftiges NEIN Gefahren vermeiden kann, ist wichtig!“ (Castelpena)
  • „Der Gruppendruck – oder besser Gruppenzwang ist nur zu menschlich, egal ob aus monetären Gründen oder die Angst vor dem Blamieren (vielleicht die beiden häufigsten Ursachen). Die Quintessenz (…) ist  das Nein. ‚Pfeif auf die Kohle, das ist zu gefährlich‘, ‚Sorry, das trau ich mich nicht‘ oder ‚Ne, das übersteigt meine Fähigkeiten und Kenntnisse‘ wird viel zu wenig gesagt, obwohl sich alle darüber einig sind (…).“ (joemurr)
  • „Ich lobe mir den Leitsatz im technischen Tauchen, dass ‚jeder zu jeder Zeit ohne Angabe von einem Grund, den Tauchgang abbrechen kann‘. Das betrifft auch erfahrene Taucher, da niemand dagegen gefeit ist, auch mal zurückstecken zu müssen, da die körperliche oder auch seelische Verfassung nicht optimal ist.“ (onliner)
  • „Jeder hat aber das Recht, NEIN zu sagen, egal aus welchem Grund oder zu welcher  Zeit. Das ist für mich das Zeichen für gute Selbsteinschätzung. Wenn der Buddy das nicht versteht, ist er mit Sicherheit der falsche Mann bzw. Frau. Wobei ich mir vorstellen kann, dass eine Frau keine sinnlosen Sprüche von sich geben wird, wenn ein Mann sich einmal nicht ‚traut‘.“ (bigmike)

Fazit

 

Es gilt, sich bewusst zu machen, welche Aspekte im Tauchsport zu Gruppendruck führen können und welche Folgen das haben kann. Tauchen ist im Normalfall Teamsport, und gute Teamarbeit erfordert Rücksicht, Respekt und Ehrlichkeit. Die Risiken, die Gruppendruck birgt, sind bei einer Extremsportart wie dieser zu groß, um sie zu verdrängen. Nein sagen können ist ein wichtiger Aspekt – in der Wahl des Buddys wie auch vor und während eines Tauchganges. Das Thema dürfte in der Ausbildung eine größere Rolle spielen als es aktuell der Fall ist.

 

Übrigens: Die 5 wichtigsten Gründe, einen Tauchgang abzubrechen haben wir ebenfalls unter die Lupe genommen.


Sagt uns eure Meinung!

 

Stimmt ihr unserem Beitrag zu? Kennt ihr weitere Ursachen, Folgen und Beispiele für Gruppendruck im Tauchsport? Sollte das Thema in der Ausbildung eine größere Rolle spielen? Sagt uns eure Meinung – bei FacebookTwitter oder per E-Mail an dekopause@ew80.de!


Sharen mit: