"Auch Profis machen schlechte Bilder" Unterwasserfotograf Martin Edge im Interview


Martin Edge gilt als einer der einflussreichsten Unterwasserfotografen der Welt. Der Engländer fotografiert seit über 20 Jahren unter Wasser, gibt Kurse und ist Fachbuchautor. Sebastian Kreinau hat den 57-Jährigen für Ojektive24.de interviewt. Seine wichtigsten Foto-Tipps gibt’s jetzt auch bei dekopause.


Sebastian Kreinau: Martin, heutzutage kann jeder zu erschwinglichen Preisen ein Unterwassergehäuse für seine technologisch extrem fortschrittliche, vollautomatische Kompaktkamera kaufen und sofort in die Unterwasserfotografie einsteigen. Wärst du der Fotograf, der du bist, wenn du vor 20 Jahren Zugang zu heute erhältlicher Ausrüstung gehabt hättest?

 

Martin Edge: Meine Antwort darauf lautet “Nein”. In den 1970er- und 80er-Jahren gab es nur sehr wenig Ausrüstung zur Auswahl. Besonders populär waren die Nikonos-3-Kameras.  Wenn man es sich leisten konnte, gab es auch Spiegelreflexkameras. Gehäuse für diese SLRs waren jedoch rar und sehr teuer. Die Nikonos-Kameras kamen mit einer klaren Anleitung wie man mit der UW-Fotografie anfängt. Diese Anleitung hat mir damals sehr geholfen.

 

Zu der Zeit habe ich auch eine Menge Hilfe durch die Mitglieder der BSoUP (British Society of Underwater Photographers) bekommen und zweifellos war es diese großzügige Unterstützung in meinen Anfangstagen, die mich an den Punkt gebracht hat, an dem ich jetzt bin. Ich bin zufrieden, dass ich so alt bin wie ich bin und dass ich in den späten 70ern angefangen habe.

 

Im digitalen Zeitalter gilt die analoge Fotografie manchmal als Aushängeschild für Qualitätsfotografie. Ist das deiner Meinung nach so?

 

Nein, das ist sie in meinen Augen nicht. Ich glaube sogar, dass die Qualität der aktuellen Unterwasserbilder weit über dem Niveau der Bilder aus den 70ern, 80ern und 90ern liegt! Man muss sich nur einige der Bildbände aus der Zeit ansehen, um zu sehen, wie die Qualität der Bilder über die letzten zehn Jahre gereift ist. Aber ja, es gibt Leute, die hunderte von Bildern knipsen, weil sie es können.

 

Ich ermutige diese Leute dazu, weiterhin viele Bilder zu machen, dabei aber darauf zu achten, dass sie Aufnahmen von Dingen machen, von denen sie das Gefühl haben, es könnte auch ein gutes Bild dabei herauskommen. Sie sollen nicht einfach alles knipsen, was sie sehen. Trotzdem denke ich, dass die Qualität der Bilder heute besser ist als in der Film-Ära. Einige der Bilder von heute sind absolut beeindruckend verglichen mit den Besten derer, die wir in den 80ern gesehen haben.

 

Was ist der Hauptunterschied zwischen Fotografie unter Wasser und an Land?

 

Für Unterwasserfotografie bedarf es einer völlig anderen Herangehensweise als an Land. Ich behandle diesen Unterschied ausführlich in meinem Buch und kann ihn im Rahmen dieses Interviews nur umreißen. Wenn Fotografen an Land ihre Bilder machen, dann müssen sie Blende und Verschlusszeit richtig einstellen, um die richtige Belichtung zu bekommen und damit das Bild gut aussieht. Unter Wasser aber kann man blaues Wasser komplett unterbelichten, so dass es schwarz wird und das Motiv hervorsticht.

 

Wenn man ein Bild über Wasser komplett unterbelichtet, ist es zu dunkel. Wenn man es ein paar Blenden überbelichtet, ist es zu hell. Mit dieser Erfahrung gehen „Landfotografen“ tauchen. Sie denken, alles müsse so aussehen, wie es ihre Augen sehen. Aber das ist nicht der Fall. Ich bin der Überzeugung, dass die meisten Kameraeinstellungen unter Wasser nicht mit denen an Land vergleichbar sind.

 

Meine Einzelkurse sind wahrscheinlich deshalb so erfolgreich, weil ich im Rahmen eines eintägigen Kurses ausführlich auf genau diesen Unterschied eingehe. Deshalb sage ich auch, dass ich jemanden mit solch einem Kurs um fünf Jahre weiter bringen kann. Ich erkläre ausführlich meine Theorien. Dann haben die Kursteilnehmer die Möglichkeit, das Gehörte im Pool auszuprobieren. Viele sind überrascht, wie einfach das Fotografieren unter Wasser sein kann.

 

Wie wichtig ist es, richtig Tauchen zu können? Oder anders gefragt: Ist es für einen Fotografen einfacher zu tauchen oder für einen Taucher einfacher zu fotografieren?

 

Meiner Meinung nach ist es leichter für einen Taucher, das Fotografieren unter Wasser zu erlernen als andersherum. Meine Kurse werden von beiden Typen besucht. Außer etwas Grundlagenwissen über Blende und Verschlusszeit und darüber, wie eine Kamera funktioniert, ist für den Einstieg nicht nötig. Einen Taucher mit fünf Jahren Taucherfahrung könnte ich wahrscheinlich schneller ausbilden als einen Fotografen mit einem Jahr Erfahrung.

 

Wenn ich am Ende eines Tauchgangs im flacheren Gewässer bin, stelle ich zumeist selbst fest, dass das Meer in der geringen Tiefe viel fotogener ist als zehn Meter weiter unten.

 

Ja! Es ist erstaunlich, wie oft mir meine Kursbesucher sagen, dass sie ihre besten Bilder am Ende des Tauchtags direkt unter dem Boot machen. Sie denken, das läge daran, dass sie dann ihr Auge auf gute Motive eingestimmt hätten. Aber das ist nicht der Fall. Es liegt vor allem daran, dass der letzte Tauchgang meist sehr flach und direkt unter dem Boot ist. Man geht ins Wasser und weiß, was einen erwartet. Man ist entspannt. In diesem Zustand steigt dann die Konzentration und man macht die besten Bilder des Tages.

Ich bin vorher schon mal auf das Equipment eingegangen. Was für eine Ausrüstung benutzt du im Moment für deine Arbeiten?

 

Ich habe schon immer Nikon-Kameras benutzt. Im Moment benutze ich die D7000 mit einem kleineren Sensor, also eine DX-Kamera. Erst kürzlich bin ich auf ein Gehäuse von Nauticam umgestiegen. Das Nauticam hat ein sehr gutes Preis-Leistungsverhältnis. Es hat ein sehr gutes Design und ich bin mir sicher, dass sie noch viele Jahre am Markt sein werden. Jedes neue Modell übertrifft seinen Vorgänger. Viele Jahre habe ich Gehäuse von Subal verwendet, aber durch das Nauticam hat sich nach all den Jahren meine Fotografie verbessert. Besonders überzeugt mich seine Ergonomie. Was das Gehäuse angeht, bin ich sehr enthusiastisch, aber ich will auf keinen Fall andere Unterwassergehäuse schlecht machen. Ich bin einfach nur beeindruckt von dem Design der Nauticam-Produkte.

 

Welche Objektive benutzt du zu welchem Zweck?

 

Ich benutze ein Tokina 10-17mm. Es ist ein großartiges Weitwinkelobjektiv und ich mag es sehr. Dazu benutze ich noch ein Nikon 40mm Makro, ein sehr preiswertes Objektiv, das vor ca. einem Jahr auf den Markt kam. Ich benutze es vor allem, wenn ich Fische fotografiere. Außerdem habe ich noch das 60mm und das 105mm Makro für Fisch- und Makroaufnahmen.

 

Was sind die fünf wichtigsten Dinge, über die man sich VOR einem Fototauchgang Gedanken machen sollte?

  1. Überlege dir vorher, welche Motive der Tauchplatz hergibt. Ist die See sehr ruhig und flach, dann gibt es die Möglichkeit für Aufnahmen, bei denen die Kamera nur zur Hälfte im Wasser ist, sogenannte Splits. Wenn die See besonders rau ist und Wellengang herrscht, lässt sich die Brandung fotografieren. Daher ist es wichtig, das fotografische Potential im Vorfeld zu bestimmen.
  2. Wähle deine Ausrüstung in Abhängigkeit von dem, was du am Tauchplatz erwartest zu fotografieren. Wenn das Riff beispielsweise bekannt für seine Makromotive ist, solltest du nicht mit einem Weitwinkelobjektiv ins Wasser gehen.
  3. Nimm dir Zeit für die Suche von guten Motiven. Welche Motive könnten gute Bilder ergeben und über welche sollte man einfach hinweg tauchen?
  4. Wie viel Zeit willst du an den Motiven investieren? Machst du fünf Bilder oder vielleicht doch lieber zehn? Ist das Motiv besonders einzigartig oder besteht vielleicht doch die Möglichkeit, noch etwas Besseres zu finden?
  5. Ärgere dich nicht, wenn Bilder mal nicht so aussehen, wie du es dir vorgestellt hast. Auch Profis machen schlechte Bilder. Man bekommt sie nur nicht so sehen. Manchmal zeige ich auf Workshops schlechte Bilder von mir, damit die Teilnehmer sehen, dass auch ich Fehler mache.

Hast du ein paar Tipps oder Weisheiten, die du angehenden Fotografen mitgeben möchtest?

 

Eine grundlegende Weisheit ist: Ärgere dich nicht, wenn du mal schlechte Aufnahmen machst. Wir alle erwischen mal einen schlechten Tag. Wenn du Probleme hast, such dir Hilfe, besuche einen Workshop. Kauf mein Buch!

 

Martin, danke für das Interview.

Unterwasserfotos von Martin Edge


Weiterführende Informationen

 

Das Interview, das Sebastian Kreinau mit Martin Edge führte, gibt es in voller Länge bei Objektive24.de.

 

Martin Edge wurde 1955 in Staffordshire, UK, geborgen und begann das Tauchen, nachdem er im Jahre 1977 an die Küste bei Dorset gezogen war. Während seiner Reisen ans Mittelmeer fing er an, Fotos unter Wasser zu machen. Bald wurde aus dem Interesse eine Leidenschaft: Ohne fotografische Ausbildung oder fotografischen Hintergrund studierte er den Stil der UW-Fotografen, die er bewunderte. Mehr als 20 Jahre danach ist Martin weltweit bekannt – nicht nur für seine Fotos, sondern vor allem als Lehrer und Autor des Buches „The Underwater Photographer“.

 

Das Buch “The Underwater Photographer” ist seit seiner ersten Auflage von 1996 für Viele die Bibel der Unterwasserfotografie. Seitdem hat die digitale (R)Evolution viel verändert. Vor allem wurde der Zugang zur (Unterwasser-)Fotografie immens erleichtert. In „The Underwater Photographer“ behandelt Martin Edge die Grundlagen, Ausrüstung, Blitz und Beleuchtung und die Frage, wie man einen eigenen Stil als Unterwasserfotograf entwickeln kann. Lange Zeit war das Buch ausschließlich in englischer Sprache erhältlich. Für 2012 ist nun auch eine deutsche Version angekündigt.


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