„Projekt Gokyo“: Christian Redl über seinen neuen Apnoe-Weltrekord im Himalaya


Christian Redl ist bekannt für außergewöhnliche Wagnisse. Im Juli hat er uns ein Interview zu seinem „Projekt Gokyo“ gegeben – dem Versuch, mit den höchsten jemals durchgeführten Apnoe-Tauchgängen einen Weltrekord aufzustellen. Am 17. Oktober hat er dies getan. Hier erzählt er von seinen Erlebnissen in Nepal.

dekopause: Erst einmal: Herzlichen Glückwunsch zu deinem neuen Weltrekord! Wie geht es dir gut drei Wochen nach dem höchsten jemals absolvierten Freitauchgang? Erholt sich dein Körper noch von den Strapazen im Himalaya?

 

Christian Redl: Vielen Dank! Es geht mir ganz gut, wir hatten drei Tage in Kathmandu, das war eigentlich zur Sicherheit gedacht, falls das Wetter schlecht ist und wir nicht von Lukla zurück fliegen können. Wir konnten diese Zeit ganz gut nutzen und uns gut erholen. Durch das Training waren wir in einem guten körperlichen Zustand. In Österreich war es etwas stressig, ich hatte einige PR-Termine.

 

Der Tauchgang, der dir den Weltrekord eingebracht hat, hat zwei Minuten gedauert – auf einer Höhe von 5.160 Metern eine beachtliche Leistung. Dein Arzt, Dr. Heiko Renner, hatte vorhergesagt, mehr als eine Minute würdest du nicht schaffen – du dagegen hattest dir drei Minuten als Ziel gesetzt. Bist du mit dem Ergebnis zufrieden oder grummelt es im Magen, wenn du an die drei Minuten denkst?

 

Ich hatte die drei Minuten als Ziel, allerdings im Nachhinein betrachtet passt es mit den zwei Minuten. Wenn man bedenkt, wie es dazu kam… Wir mussten eine Nacht auf 5.000 Metern Höhe im Zelt bei Minusgraden schlafen, dann zwei Stunden aufsteigen und uns bei null Grad umziehen. Die Wassertemperatur betrug nur zwei Grad, der See war stellenweise gefroren. Dann hab ich mich eingetaucht. Den ersten Tauchgang (mit medizinischer Aufzeichnung) hab ich nach einer Minute beendet. Keiner wusste, was passiert, wenn ich auftauche: Bekommt der Körper genug Sauerstoff und kann sich erholen oder nicht? Bei 14 % Sauerstoff in der Luft hat der Körper nur noch ca. 85 % Sauerstoffsättigung, ich sollte laut Arzt nie unter 60 % gehen. Beim zweiten Tauchgang hab ich es geschafft, die Sauerstoffsättigung durch meine Atemtechnik auf 98 % zu erhöhen und hab den Tauchgang begonnen.

 

Nach einer Minute hatte ich sehr starke Kopfschmerzen – das hatte mein Arzt prophezeit. Nach 1 Minute und 30 Sekunden war die Sauerstoffsättigung schon sehr gering, deshalb bin ich nach zwei  Minuten aufgetaucht. Die Sättigung hat nur noch 66 % betragen – und dazu die Kopfschmerzen. Eigentlich wollte ich noch einen dritten Tauchgang versuchen, um die drei Minuten zu erreichen, allerdings kam es dann zu einer sehr starken Unterkühlung meinerseits – hat auch der Arzt vorhergesagt. Und ich musste mich ja noch im Freien umziehen und sechs Stunden absteigen. Mit einer Unterkühlung hätte das gefährlich werden können.

In deinem Tagebuch bei Facebook hast du zu dem Tauchgang geschrieben „der Kopf tat mir weh wie noch nie in meinem Leben“. Das hat dich nach zwei Minuten zum Auftauchen gezwungen. Gab es noch weitere Symptome, die dich auf deine Grenzen hingewiesen haben?

 

Neben den Kopfschmerzen war es die geringe Sauerstoffsättigung in meinem Körper: Ich hatte nach dem Auftauchen geatmet und hoffte, dass die Sättigung wieder steigt. Allerdings dauerte es circa 60 Sekunden, bis mein Körper überhaupt reagierte. Und dann noch das Problem mit der Temperatur!

 

Den Weltrekord hast du beim zweiten Tauchversuch aufgestellt, der erste verlief noch etwas vorsichtig. Du hast geschrieben: „Ich fühle mich nicht wohl, habe schlechte Gedanken. Keiner konnte mir sagen, was passiert, wenn ich auftauche und nach Luft schnappe – ungutes Gefühl.“ Was ging dir in diesem Moment genau durch den Kopf?

 

Ich hatte ständig im Kopf, dass ich ja nicht weiß, was passiert, wenn ich auftauche und atme. Die Sauerstoffsättigung darf nicht zu gering sein, sonst wird man bewusstlos. Wenn das bei uns passiert, ist das normalerweise kein Problem: Der Sicherungstaucher hebt das Gesicht aus dem Wasser und man beginnt wieder zu atmen. Auf dieser Höhe passiert das aber leider nicht, weil der Sauerstoffgehalt in der Luft zu gering ist. All diese Gedanken hatte ich …

 

Deine Sauerstoffsättigung normalisierte sich direkt nach deinem Weltrekord-Tauchgang erst nach etwa einer Minute wieder. Mit einer so langen Anpassungszeit hattet ihr nicht gerechnet. Hattest du Angst während dieser Minute, dass am Ende doch noch etwas schief laufen kann?

 

Also Angst hatte ich keine, aber schon ein sehr komisches Gefühl. Robert hat mich ständig animiert zu atmen und mir gesagt, dass die Sättigung nicht steigt. Wir hatten ja Sauerstoff mit in einer Flasche, für den Notfall. In Wien habe ich genau dieselben Tauchgänge versucht zu wiederholen – nach zwei Minuten Luftanhalten hatte ich noch immer eine Sättigung von 92 %! Das zeigt den großen Unterschied wegen der Höhe!

 

Dr. Renner wertet ja momentan noch einiges an Daten aus. Kannst du uns schon erste Ergebnisse der Expedition verraten? 

 

Also wir haben bewiesen: Wenn man sich gut vorbereitet, sinnvoll trainiert, sich an die Regeln hält und auf seinen Körper hört – kann man solche Leistungen vollbringen und auf hohe Berge steigen. Ich war ja nie vorher höher als 2.200 Meter. Der höchste Punkt, den wir in Nepal erreicht haben, war 5.411 Meter und ich hatte keine Anzeichen einer Höhenkrankheit. Täglich werden vier bis fünf Bergsteiger vom Helikopter ins Tal geflogen und sehr viele leiden an Kopfschmerzen und anderen Symptomen. Wir werden versuchen, aus unserem Impuls eine Studie zu entwickeln.

 

Auch dein Expeditions-Team hatte mit der Höhenanpassung zu kämpfen. Wie muss man sich das vorstellen?

 

Die Anderen hatten nicht die Möglichkeit, so viel zu trainieren wie ich. Wir haben versucht, die Seen in der Mindestzeit zu erreichen. Normalerweise nimmt man sich zwölf Tage Zeit, wir planten zehn. Mir ging es so gut, dass ich eigentlich gleich nach dem neunten Tag tauchen wollte. Allerdings hatten die anderen drei Kopfschmerzen, fühlten sich schlecht. Und so haben wir den geplanten Höhenanpassungstag eingelegt. Am nächsten Tag ging es ihnen besser und wir sind weiter aufgestiegen.

 

„Projekt Gokyo“ war nach deiner Aussage von all deinen Rekorden der aufwendigste: Er benötigte ein Jahr Vorbereitung, sechs Monate Training und zehn Tage beziehungsweise 100 Kilometer Trekking im Himalaya – das alles für einen Tauchgang von zwei Minuten. Würdest du es wieder tun?

 

Ich bin mir nicht sicher – es war nicht nur das aufwendigste Projekt, sondern auch das Anstrengendste! Allerdings, die Natur war unglaublich schön… Ich habe eben eine Einladung nach China bekommen, um ein ähnliches Projekt durchzuführen – vielleicht gibt’s doch noch ein ähnliches Projekt.

Ihr habt dank eurem Fotografen Martin Gebhardt großartige Fotos von der Expedition und der Landschaft in Nepal mitgebracht. Und ihr habt dort neben der Natur auch einiges an Kultur erlebt. Was hat dir am besten gefallen an Nepal?

 

Also die Natur ist nicht zu toppen denke ich. Wir standen auf einem Berg, der war fast 4.000 Meter hoch. Dabei dachte ich an unseren höchsten Berg in Österreich, den Großglockner, dieser hat eine ähnliche Höhe. Allerdings sah ich dann in meiner Nähe den Mount Everest und dieser ist nochmal so hoch – das ist sehr beeindruckend! Der emotionalste Moment war aber für mich die Segnung meiner Flossen in einem Kloster – die Seen sind ja heilig und das habe ich respektiert…

 

Deine Flossen sind von einem Mönch gesegnet worden. Hängen sie jetzt über deinem Bett als Erinnerung?

 

Nein, ich liebe meine Flossen und wir haben schon einiges erlebt und sie werden noch einiges mit mir erleben dürfen.

 

Du scheinst nie genug zu kriegen: Dein nächster Rekordversuch steht offenbar schon vor der Tür – worum geht’s da?

 

Im Februar findet die zweite „Eishockey unter Eis“ Weltmeisterschaft statt, am Weissensee. Da bin ich wieder dabei. Für Anfang Sommer plane ich dann allerdings einen Weltrekord in wärmeren Gewässern. Es geht um einen Tiefenweltrekord, der Versuch wird in Ägypten stattfinden.

 

Ich danke dir auch für dieses Interview und wünsche weiterhin alles Gute!

Weitere Fotos von der Expedition „Projekt Gokyo“


Weiterführende Informationen

 

Worum es bei „Projekt Gokyo“ genau ging, wie Christian Redl sich vorbereitet hat und welche immensen Risiken mit dem Rekord verbunden waren, hat Christian uns im Juli erzählt.

 

Die Gokyo-Seen im Himalaya auf der Karte


Sharen mit: