"Projekt Gokyo": Apnoe-Weltrekordler Christian Redl über den Tauchgang seines Lebens im Himalaya (Update)


Christian Redl ist bekannt für seine extremen Weltrekorde im Apnoe-Tauchen. Aktuell fiebert er seinem größten Freitauch-Abenteuer entgegen: Als erster Mensch will er im Oktober in den höchstgelegenen Seen der Welt freitauchen. Ein Interview über den scheinbar „unmöglichen“ Tauchgang (s. Updates am Ende des Interviews).


dekopause: Hallo Christian! Wenn ich an „Projekt Gokyo“ denke, stelle ich mir immer eine Frage: Hast du Angst vor dem Tauchgang? 

 

Christian Redl: Nein – keine Angst! Das hatte ich noch nie vor einem Tauchgang, ALLERDINGS hab ich sehr großen Respekt davor. Das ist aber auch sehr wichtig, Angst limitiert einen. Der Respekt schützt einen. Es ist sicher der aufwendigste Tauchgang in meinem ganzen Leben, ich glaub sogar, der aufwendigste Freitauchrekord überhaupt. Sonst taucht man ja nur „einfach“ im Bad oder an einem Seil in die Tiefe…

 

Wie soll der Tauchgang denn genau ablaufen? 

 

Die Frage ist zurzeit schwer zu beantworten. Robert Kriz und ich werden in den Seen tauchen. Wir haben zwar ein paar Indikatoren, aber wir müssen noch ein paar wichtige medizinische Tests machen und vor allem Testtauchgänge. Ein solcher Tauchgang wurde noch nie gemacht und das hat verschiedene Gründe.

 

Der höchste See liegt auf 5.160 Meter Höhe, allerdings werden wir auch noch einige Seen darunter betauchen. Es war noch nie jemand in diesen Seen tauchen. Die Wassertemperatur wird um die 3 bis 4 Grad sein. Es handelt sich dabei um Gletscherseen, sie befinden sich entlang der höchsten Gletscherzunge Nepals. Die Wassertiefe der Seen ist sehr unterschiedlich, der Tiefste wird so um die 60 Meter sein.

Wenn wir am höchsten See tauchen, haben wir einen Eintrag im Guinnessbuch, aber das ist mir nicht wichtig. Es geht mehr um die Forschung und die Entdeckung von etwas Neuem.

 

Aktuell versuchen wir herauszufinden, welche Leistungen überhaupt möglich sind. Auf Grund der Höhe ist der Sauerstoffgehalt in der Luft sehr viel geringer als hier – er beträgt nur noch etwa 14 Prozent. Ohne Höhenanpassung –­­­­ sprich, wir würden uns jetzt sofort hoch beamen lassen – würden wir alle innerhalb weniger Atemzüge bewusstlos werden.

Als erster Mensch in den höchstgelegenen Seen der Welt freitauchen: Wie kamst du auf diese Idee? Du bist sicher nicht eines Morgens aufgewacht und dachtest, „das ist es“ – oder? 

 

Fast. Ich hab viele Ideen und Träume und einige davon hab ich schon realisiert, einige dauern noch. Ich hatte schon vor einigen Jahren die Idee dafür, allerdings fehlten mir die richtigen Leute und Inputs. Letztes Jahr erzählte mir Robert von seinem Trip nach Nepal und das es da oben Seen gibt. So haben wir uns zusammengesetzt und ich hab begonnen alles zu organisieren und zu planen. Es ist unglaublich spannend und sehr ehrgeizig. Ich hätte mir nicht gedacht, dass alles so aufwendig wird. Ich hab oder hatte null Erfahrungen mit Bergen, obwohl ich Österreicher bin. Ich hab mir da eigentlich am Anfang auch überhaupt keine Gedanken darüber gemacht. Ich hab dann begonnen Bücher darüber zu lesen und die Berichte von sehr erfahrenen Bergsteigern. Jetzt versteh ich auch die Bedenken der meisten Ärzte…

 

Ja, ich habe auf der Facebook-Seite zu „Projekt Gokyo“ gelesen, einige Ärzte würden von dem Tauchgang abraten. Wie macht ihr das Risiko kalkulierbar?

 

Durch eine solide Vorbereitung, ausgezeichnetes Training und ein gutes Team. Wir haben mit Dr. Heiko Renner sicher einen der Top-Spezialisten auf diesem Gebiet. Wir bereiten uns in Druckkammern vor und trainieren auch den Ernstfall. Ein Restrisiko bleibt, aber das hab ich bei jedem Tauchgang. Wir haben aber auch Partner, die uns hier unterstützen in den verschiedensten Bereichen.

 

Mit welchem Training bereitest du dich auf den Tauchgang vor?  

 

Das Training ist sehr vielschichtig. Wir müssen topfit sein, damit wir die körperliche Belastung aushalten. Auf dieser Höhe sind die meisten Menschen froh, wenn sie einen Fuß vor den anderen setzen können und hier wollen wir auch noch Freitauchgänge machen. Ab 3.500 Metern Höhe beginnt die Gefahrenzone, hier gibt es auch kein permanentes Leben.

 

Des Weiteren müssen wir auch das Freitauchen anders trainieren, nämlich unter sehr hohen Belastungen. Durch die Höhenanpassung wird der Herzschlag schneller, auch die Atmung und das Blut wird dicker. Alles Dinge, die man als Freitaucher nicht brauchen kann…

 

Und zu guter Letzt das Höhentraining. Wir müssen unseren Körper anpassen, zusätzlich zum Tauchthema kommt auch noch das Höhenthema.

 

Gehört dazu auch mentales Training?

 

Bei all meinen Tauchgängen ist die mentale Komponente wichtig, das ist der Reiz für mich. Das ist der eigentliche Grund für meine Tauchgänge unter Eis oder in Höhlen. Die meisten Freitaucher unterschätzen diesen Faktor. Je stärker man mental ist, desto leichter fallen einem solche Tauchgänge.

Was ist die größte Gefahr bei „Projekt Gokyo“?

 

Wir haben hier mit zwei großen Gefahren zu tun. Die erste ist das Bergsteigen an sich: Man kann nie sagen, ob jemand die Höhenkrankheit bekommt oder nicht. Lungenödeme sind in dieser Höhe schon leicht möglich, auch im Gehirn. Wenn man diese Symptome nicht gleich behandelt, enden sie tödlich.

 

Das zweite Problem ist ein Blackout beim Tauchen. Hier her unten ist das weniger dramatisch, ich bin abgesichert durch meine Sicherungstaucher und ich beginne sofort wieder selbstständig zu atmen. Auf Gokyo-Höhe ist der Sauerstoff so gering, dass der Körper nicht dazu in der Lage ist. Des Weiteren tritt der Herzstillstand viel schneller ein als unten. Deshalb ist es ganz wichtig, nicht so weit zu gehen. Die medizinische Versorgung ist nicht so gut wie hier unten. Wir wissen auch noch nicht, wie weit sich die körperlichen Anzeichen, die ich ja hier im Hallenbad kenne, verschieben.

 

„Mein Ziel ist nicht nur, die Grenze des Machbaren zu überschreiten, sondern auch dabei der erste zu sein“, wirst du in einem deiner Videos zitiert. Ist das deine Hauptmotivation für „Projekt Gokyo“? 

 

Es ist sicher eine Motivation von mir der Erste zu sein. Nur so kann man Geschichte schreiben.

 

Aber es gehört schon mehr dazu, sonst würde man sich diesen enormen Aufwand nicht antun. Ich stehe auf mit dem Projekt und ich gehe damit schlafen!

 

Du hast schon angedeutet, dass auch die Forschung eine große Rolle spielt. Welche neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse erhofft ihr euch von „Projekt Gokyo“?

 

Es ist nach wie vor so, dass sehr viele Bergsteiger ums Leben kommen, zum Beispiel beim Versuch den Mount Everest zu besteigen. Wir wollen das Bergsteigen sicherer machen. Wir versuchen, mit Hilfe der medizinischen Tests und vor allem unserer Vorbereitung – sprich Training und auch gezielte Atemtechniken – den Hochalpinismus noch sicherer zu gestalten. Und natürlich auch den Tauchsport.

 

Vom 20. bis 22. Juli findet das zweite Training am Dachstein im Salzkammergut statt, inklusive erster Tauchversuche. Ich bin sehr gespannt! Kannst du dazu schon Näheres verraten?

 

Wir beginnen dann offiziell mit den Vorbereitungen im Gebirge. Wir müssen ja unsere Körper anpassen und dieses Training wird immer wichtiger je näher das Projekt kommt. Wir haben einige Journalisten und Kamerateams dabei, die über das Projekt vorabberichten werden.

 

Für uns sind es aber auch die ersten Tests mit der gesamten Ausrüstung. Wir müssen ja auch lernen, mit dem ganzen Equipment umzugehen und werden dann auch gleich die ersten Ergebnisse auswerten und darauf aufbauen.

 

Ich danke dir für das Interview und halte beide Daumen gedrückt!

 

Update, 18.10.2012

 

Christian Redl und sein Team meldeten am 17. Oktober 2012 auf der Facebook-Seite von Projekt Gokyo: „Mission accomplished„. Zwei Stunden später schrieb Christian Redl an gleicher Stelle: „Sorry, es ist schon dunkel und wir haben keinen Strom… Aber, ja, ich hab einen neuen Rekord und allen geht’s gut!“ Wieder einige Stunden später gab’s die ersten Medienberichte, zum Beispiel beim österreichischen Kurier. Genaue Daten zum Rekord sind momentan aber noch nicht bekannt.

 

Update, 19.10. 2012

 

Seit heute Morgen gibt es genauere Daten zu den Tauchgängen: Sie fanden in 5.160 Metern Höhe statt, der längste dauerte knapp über zwei Minuten.

 

Update, 27.11.2012

 

Christian Redl hat sich nach seinem neuen Weltrekord noch einmal mit uns unterhalten und verraten, was ihm bei den Tauchgängen im Himalaya durch den Kopf gegangen ist und was ihn an Nepal beeindruckt hat. Hier geht’s zum zweiten Interview.

Christian Redl über und unter Wasser


Weitere Informationen

 

Christian Redl ist Jahrgang 1976, Freitaucher mit mehreren Weltrekorden, Apnoe-Tauchlehrer sowie Stuntman, Schauspieler, Buchautor und Model. Mehr Informationen auf seiner Website und bei Wikipedia.

 

Weltrekorde: Christian Redl hat acht Weltrekorde aufgestellt. Einige davon hält er bis heute, darunter den Tieftauchrekord mit verschiedenen Hilfsmitteln in einer Höhle in Yucatan (71 Meter), den Apnoe-Tieftauchrekord unter Eis mit variablem Gewicht (61 Meter) sowie den Rekord im Streckentauchen unter Eis mit Hilfe eines Scooters (150 Meter), beides im Weißensee in Kärnten.

 

„Projekt Gokyo“: Wer auf dem Laufenden bleiben möchte, kann dies am besten über die Facebook-Seite zu „Projekt Gokyo“. Christian informiert dort regelmäßig über Neuigkeiten.


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