"Wir können nicht alle 530 Arten retten": Gerhard Wegner über zehn Jahre Haischutz bei Sharkproject


Die Haischutz-Organisation Sharkproject feiert dieses Jahr ihr zehnjähriges Bestehen. Grund genug, am heutigen Tag des Meeres zu fragen: Wie steht es um die Haie? Ein Gespräch mit Gerhard Wegner, Präsident von Sharkproject, über das Image der Haie, ihre Zukunftschancen und das Haitauchen.

dekopause: Du hast neulich zum zehnjährigen Jubiläum folgendes Motto von Sharkproject bei Facebook gepostet: „Die, die immer ‚es geht nicht‘ sagen, sollten einfach mal denen Platz machen, die es einfach tun“. Was steckt dahinter?

 

Gerhard Wegner: Es gibt viele Haischutz-Organisationen, aber viele davon kommen nicht aus den Puschen. Es gibt viele Verweigerer, wenig Problemlösung. Dinge werden nicht angepackt, weil zum Beispiel das Geld fehlt. Bei Sharkproject machen wir einfach. Zum Beispiel finanzieren wir Kampagnen über Buchprojekte und alle Mitarbeiter engagieren sich unentgeltlich. Es gibt weder Gehälter noch Spesen. Denn wenn wir alle warten würden, bis etwas passiert, dann hätten wir ein Problem.

 

Hat sich das Bild der Haie in den Köpfen der Menschen in den letzten zehn Jahren verändert?

 

Ja, früher war die Angst vor dem Hai allgegenwärtig. Haie waren nur einer handvoll Freaks wirklich wichtig, eine Lobby gab es nicht. Und wie will man etwas schützen, wenn es dafür keine Lobby gibt? Wegen dieser Angst sind viele Haischutz-Projekte gescheitert.

 

Wenn man sich heute eine Dokumentation anguckt, werden Haie oft als scheue Räuber und wichtiger Teil des Ökosystems dargestellt. Es findet wieder Besinnung statt über das vergessene Tier Hai. Früher waren Haie einfach nur Monster.

 

Deswegen haben wir Sharkproject als eine Art Werbeagentur für Haie gegründet. Wir haben immer beim Thema Unfälle angefangen und tun das auch heute noch. So kommen wir an die Urängste der Menschen vor Haien heran und machen anhand der Zahlen aus einem Monster wieder ein Raubtier. Wir müssen die Menschen zunächst aufklären. Dann erst sprechen wir Themen wie das Finning an.

 

Geht es den Haien heute besser oder schlechter als vor zehn Jahren?

 

Deutlich besser. Der Mensch sieht plötzlich die Probleme. Dadurch ist es möglich geworden, etwas zu verändern.

 

Was ist heute die größte Bedrohung für Haie? 

 

Die größte Gefahr besteht dort, wo die Menschen am meisten fischen. Also vor allem in der Hochsee. Daher sind Hochseehaie, Hammerhaie, Blau- und Makohaie sowie Weiße Haie am meisten von der Ausrottung bedroht. Laut einer Studie der Dalhousie-Universtität in Halifax sind die Bestände im Atlantik alleine in den letzten sechs Jahren um bis zu 90 Prozent zurückgegangen.

 

Dazu muss man wissen: Bei Haien ist eine Bio-Bremse eingebaut. Sie bekommen nur wenig und selten Nachwuchs. Wenn es diese Bremse nicht gäbe, wäre alles leergefressen. Allerdings führt sie auch dazu, dass sich die Bestände kaum erholen, auch wenn man sie viele Jahre schützt. Tunfische dagegen sind auch massiv bedroht, erholen sich aber schneller, weil sie eine hohe Reproduktionsrate haben.

 

Das Hauptproblem ist das Finning. Für ein Kilo Haifischflossen bekommt ein Fischer 600 Euro. Mehr Geld als durch Finning kannst du als Fischer nicht verdienen. Daher wird es Finning auch in Zukunft weiter geben.

 

Trotzdem wird dagegen angekämpft. Wie macht man das am besten?

 

Der Vorwurf ist nicht denen zu machen, die die Haie fischen, sondern denen, die sie essen. Und an die müssen wir herankommen. Das geht allerdings nicht durch ökologische Argumente – Ökologie bewegt die breite Masse nicht. Die Menschen bewegt nur das, was sie selbst betrifft. Deshalb argumentieren wir mit dem Gift in den Haien: Haifischfleisch ist hochtoxisch. Wenn du das isst, vergiftest du dich und deine Gäste. Kein Gastgeber aber will seine Gäste mit Haifischflossensuppe vergiften. Also müssen wir den Menschen das mit dem Gift klarmachen.

 

Auch in Europa ist das ein Thema. Hier werden unter dem Namen Seeaal oder Schillerlocken Dornhaie gegessen. Die sind nicht nur bedroht, sondern ebenfalls stark mit Gift verseucht. Trotzdem tragen Dornhai-Produkte das MSC-Siegel. Dabei geht es rein ums Geschäft. Deshalb hat der MSC von uns den „Shark Enemy of the Year“-Award bekommen.

 

Sharkproject schreibt außerdem Unternehmen, die Dornhai-Produkte verkaufen, an. Wir belegen ganz klar, dass der Fisch vergiftet ist. Wir schreiben sie an und sagen ihnen, dass sie Gift verkaufen. Und kündigen eine Anzeige an, sollten sie das Produkt weiterhin verkaufen. Auf die Bedrohung der Haie und andere ökologische Argumente reagiert niemand, so aber wird plötzlich nachgedacht.

 

Gibt es überhaupt noch Hai-Arten, die nicht gefährdet sind? 

 

Gefährdet sind Haie eigentlich überall. Beispiel Malediven: Dort sind Haie jetzt umfassend geschützt, doch an den Touristen-Inseln werden die Mangroven rausgerissen, um den Zugang zum Strand zu ermöglichen. Dadurch wird den Haien die Kinderstube weggenommen. Oder die Haie sind gefährdet, weil wir ihnen die Futterfische wegfischen.

 

Mal etwas provokativ gefragt: Warum sind Haie denn überhaupt schützenswert? 

 

Es ist wie überall in der Natur: Nimmt man die Top-Räuber raus, stirbt das ganze Ökosystem. Das passiert weltweit nachweislich, wo Top-Räuber verschwinden, auch in den Meeren. Wo die Haie weg sind, stirbt das ganze Fischfanggebiet, von dem die Fischer eigentlich leben müssen. Haie sind wie Weichen in einem Gleissystem. Nimmt man sie raus, funktioniert das ganze System nicht mehr.

Das Haitauchen ist mittlerweile ein lukratives Geschäft, das viele Tauchtouristen anzieht. Gibt es schwarze Schafe in dieser Branche?

 

Haitauchen ist generell ein anrüchiges Thema. Du hast zwei Möglichkeiten: Entweder du tauchst im Rahmen eines natürlichen Events mit ihnen, an einer natürlichen Sammelstelle oder während des Sardine Run zum Beispiel. Das ist für die Unternehmen dahinter aber nicht reproduzierbar, sehr aufwändig und unsicher.

 

Um mit dem Haitauchen ein Geschäft zu machen, müssen sie anfüttern. Und das Füttern von Haien birgt das höchste Unfallrisiko. Dass trotzdem so wenig passiert, liegt daran, dass Haie den Menschen eben nicht als Futter betrachten.

 

Alle sechs von Sharkproject identifizierten Unfallfaktoren kommen allerdings bei einer Haifütterung zusammen. Kein Wunder also, dass 50 Prozent der Unfälle durch Fütterung und daraus resultierende Konditionierung der Haie zustande kommen.

 

Am Anfang passiert nichts, also werden die Unternehmen immer leichtsinniger. Verzichten auf Sicherungstaucher und vernünftige Briefings. Und die Taucher verlieren zunehmend den Respekt vor den Tieren.

 

Die Fütterung ist also ein Spagat: Dass damit Geld verdient wird, ist eine Motivation zum Schutz der Tiere. Umweltschutz funktioniert nur dort, wo irgendwer dran verdient. Außerdem kann Haitauchen gegen das Monster-Image von Haien helfen.

 

Aber: Haie sind zwar keine Monster, aber auch keine Schoßtiere. Wenn sie konditioniert werden und die Taucher den Respekt verlieren, kann es zu Unfällen kommen. Und dann werden die Haie doch wieder nur als Monster gesehen.

 

Und wie kann ich als Haitaucher ein gutes Unternehmen erkennen? 

 

Der wichtigste Punkt ist: Kein offenes Futter im Wasser. Das ist der einzige Weg. Das Futter muss in einen geschlossenen Behälter, um nur durch die Duftstoffe zu locken. Außerdem müssen Buddy-Teams gebildet werden. Der eine muss auf den anderen aufpassen.

 

Es muss einen Sicherheitstaucher geben, der maximal für drei Taucher zuständig ist, mehr auf keinen Fall. Der muss zum Beispiel darauf achten, dass die Taucher nicht zusammen mit dem Geruch nach Futter in der Strömung hängen. Sonst kann es passieren, dass ein Hai den Taucher anrempelt.

 

Und das Briefing vor dem Tauchgang muss ausführlich und sachkundig sein. Gute Unternehmen beachten diese Punkte.

 

Haben Taucher eurer Erfahrung nach ausreichend Respekt vor Haien?

 

Ehrlich gesagt überwiegend nein. Es gibt zu viele Adrenalinsüchtige, die unvernünftig vorgehen.

 

Blicken wir in die Zukunft. Bist du optimistisch, was die Zukunft der Haie angeht?  

 

Ich bin begrenzt optimistisch. Wir werden die 530 heute existierenden Hai-Arten nicht alle retten können, zweifellos. Aber die Gattung Hai können wir retten. Wir haben gute Chancen, das Pendel der Ausrottung anzuhalten. Nicht nur die Menschen, auch die Politik versteht die Wichtigkeit des Schutzes von Haien zunehmend. Daraus schöpfe ich Hoffnung.

 

Und wie geht es mit Sharkproject weiter?

 

Wir werden den „Kurs Hai“ weiter verfolgen. Aber wir müssen uns auch verstärkt mit Themen wie Plastikmüll und Lärm in den Meeren beschäftigen. Das wollen wir in Zukunft neben dem Haischutz weiter in den Vordergrund stellen als bisher. Wir wollen neben dem Haischutz eine Meeresschutz-Organisation werden. Ein Schritt in diese Richtung ist unsere „Mission Deep Blue“.

 

Herzlichen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast.

Hai-Fotos von Gerhard Wegner

Alle Fotos: © Gerhard Wegner / Sharkproject


Weitere Informationen

 

Der Tag des Meeres und Links dazu in der Wikipedia: http://de.m.wikipedia.org/wiki/Tag_des_Meeres

Viele weitere Infos über Haie, ihre Bedrohung und die Interaktion mit den Tieren gibt’s in der Haiothek von Sharkproject.


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