Stromato… blob!


Sie gehören zu den faszinierendsten Sehenswürdigkeiten auf diesem Planeten. Sie sind die ältesten Lebewesen der Erde. UNESCO Weltnaturerbe. Ohne sie würden wir Menschen wohl nicht existieren. Aber: Es ist nicht leicht, beim Anblick der Stromatolithen in Westaustralien in Begeisterung zu verfallen. Bill Bryson beschrieb sie ernüchtert als charakterlose „Blobs“. Denn sie sehen aus wie Kuhfladen.

Das mit der Charakterlosigkeit haben sich wohl auch die Australier gedacht: Auf einer comicartigen Zeichnung stellt sich „Stumpy Stromatolite“ dem Besucher vor. „Stumpy“ möchte, dass man seine Familie kennenlernt. Das kann man tun, indem man den in Richtung Wasser führenden Holzsteg begeht und nach unten blickt.

Der Steg führt mitten durch das Minenfeld der fossilen „Kuhfladen“ hinaus aufs flache, spiegelglatte Wasser. Dieses ist in der Lagune der Shark Bay etwa doppelt so salzhaltig wie im angrenzenden Indischen Ozean. Der Hamelin Pool ist daher einer der wenigen Orte weltweit, an denen es die Stromatolithen noch gibt. Sie sind die ältesten Fossilien der Erde. Und leben seit 3,5 Milliarden Jahren.

 

Überschwängliche Begeisterung jedoch stellt sich beim Betrachter nicht ein. Bill Bryson wettet in seinem Buch „Frühstück mit Kängurus“, dass die erste Reaktion auf den Anblick lebender Stromatolithen immer „Hm“ laute. Und zwar ein „Hm“, das man auch als Reaktion auf ein Canapé äußern würde, welches zwar besser schmeckt, als es aussieht, einen aber nicht überzeugt, noch ein zweites zu nehmen – jemals. Und doch ist auch er von den unscheinbaren „Blobs“ begeistert.

 

Stromatolithen entstehen ähnlich wie Korallenriffe. Die in den Gebilden lebenden Cyanobakterien (früher Blaualgen genannt) lagern während ihres Wachstums aus dem Meereswasser gelösten Kalkstein ein. Daraus entstehen diese äußerlich unspektakulären Gebilde. Junge Stromatolithen erinnern an Kuhfladen. Ältere, schon etwas in die Höhe gewachsene, an Blumenkohl.

 

Cyanobakterien haben zwei Milliarden Jahre lang als einzige Lebensform der Erde in Gewässern wie diesem gelebt. Sauerstoff gab es auf dem damals äußerst lebensfeindlichen Planeten nicht. Die Wissenschaft geht heute davon aus, dass diese Winzlinge das änderten. Sie waren vermutlich die ersten Wesen, die Sauerstoff produzierten – als Abfallprodukt. Sie haben demnach die Photosynthese erfunden. Bei genauerem Hinsehen entdeckt man hier und dort ein Blubbern.

 

Der von den Stromatolithen produzierte Sauerstoff reicherte sich über Jahrmillionen in der Atmosphäre an, bildete die Ozonschicht und ermöglichte das Leben auf der Erde. So lautet die Theorie. Ohne die Cyanobakterien gäbe es vermutlich nichts außer Mikroben.

 

Wie machtvoll die winzigen Bakterien ihre Umwelt verändert haben, ist überall um sie herum sichtbar. Noch weit über die Shark Bay hinaus. Der von den Stromatolithen produzierte Sauerstoff ließ das Gestein in der Umgebung oxidieren. Ganze Gebirge, von Rost durchzogen, wurden zu wertvollem Eisenerz. Die rote oder rot-braune Farbe des Gesteins prägt das Aussehen der gesamten Westküste Australiens noch heute.


Weiterführende Informationen

 

In der Wikipedia gibt es einen detaillierten Artikel über die Stromatolithen. Dort wird auch erklärt, welche Argumente für die Sauerstoffbildung durch Stromatolithen sprechen – und welche dagegen.

 

Auch zum Hamelin Pool und zum Shark-Bay-Marine-Nationalpark gibt es gute Informationen in der Wikipedia.

 

Frühstück mit Kängurus“ von Bill Bryson ist großartiger Lesestoff für alle Australienreisende. Unterhaltsam und sehr nah dran an dem, was man dort erlebt. Es ist 2002 im Goldmann Verlag erschienen. Auf Englisch trägt es die Titel „Down Under“ (UK) oder „In A Sunburned Country“ (US).


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